Transkript zu: Spring Adler, spring!

2026-02-18

Transkript zur Episode: Spring Adler, spring!

Philipp: Hallo Daniel.

Daniel: Hallo Philipp.

Philipp: Herzlich willkommen zur 2. Folge Heldendumm. Heute geht’s hoch hinaus, mein Lieber.

Daniel: Heute geht’s hoch hinaus? Ja, ich hoffe doch. Wir waren ja bei der letzten Episode wirklich in den Tiefen des Untergrunds. Das stimmt.

Philipp: Wir waren in der Unterwelt, kann man sagen, auch in der Halbwelt, wie man so schön sagt.

Daniel: Oh, in der Halbwelt mit Hades und Cerberus. „Halbwelt“ kommt direkt mit auf die Liste aus der letzten Folge. Die kann direkt fortgeführt werden.

Philipp: Das müssen wir uns jetzt aber wirklich vornehmen, diese Liste weiterzuführen. Wir müssen diese Wörter so ein bisschen einstreuen, immer wieder mal.

Daniel: Ich finde auch. Mal gucken, wozu wir heute noch kommen.

Philipp: Die Halbwelt verlassen wir jedenfalls, auch den Untergrund. Es geht hoch hinaus, wie ich schon gesagt habe. Ich hoffe, du hast deine Brille geputzt. Auf geht es.

Daniel: Ich bin bereit.

Philipp: Ich sage dir eins: Ich vermute, dass viele Leute… Oh, er hat sich wirklich die Brille aufgesetzt jetzt hier, und es ist die Laurence Fishburne Matrix-Brille. So ein bisschen ernst, ja. Wir reden heute über einen Mann, der relativ bekannt ist, den viele kennen werden, aber dessen Geschichte wir noch nicht gemacht haben. Ich habe immer gesagt, das ist zu bekannt, es gibt auch einen Film und der ist noch gar nicht so lange draußen. So, dieses Jahr ist der Film zehn Jahre draußen und außerdem gibt es noch einen weiteren Anlass, weshalb sich diese Geschichte heute ganz gut anbietet. Denn wir schreiben ja heute ein Datum – wir sind ja noch Mitte Februar, also jetzt nicht, während wir das aufnehmen, aber während das läuft – und entsprechend gibt es da eine gewisse Nähe. Wir reden über dich, Michael.

Daniel: Ich bin schon wieder Michael? Das ist der dritte oder der vierte Michael mittlerweile sogar, glaube ich.

Philipp: Es gibt wirklich viele Michaels. Wir werden… du wirst deinen Namen nachher noch mal anpassen, aber erstmal bist du der Michael und dein Zweitname ist David.

Daniel: Heiße ich danach Michel oder so? Beim letzten Mal wurde aus Johnny ja Jimmy.

Philipp: Nee, du wirst einen schönen Spitznamen erhalten. Dein Name ist Michael David Edwards.

Daniel: Der Name sagt mir gar nichts.

Philipp: Das ist nicht weiter verwunderlich. Du kommst am 5. Dezember 1963 zur Welt, und zwar in Cheltenham in England.

Daniel: Auch das sagt mir nicht so viel. Also England schon, Cheltenham weniger.

Philipp: Cheltenham ist mehr oder weniger im Westen Englands, würde ich jetzt mal einfach sagen. Wunderschöne Stadt, tatsächlich sehr reich. Also ein guter Ort, sehr vornehm. Aber England halt, ne? Es regnet viel. Manchmal ein bisschen trostlos. Gerade in den 60er und 70er Jahren vielleicht nicht der Ort, wo man sagt: Hier steppt der Bär oder hier boxt der Papst im Kettenhemd. Wobei ich nicht ausschließen will, dass das auf britischem Gebiet schon mal passiert ist.

Daniel: Ich wollte gerade sagen, da sind Dinge passiert, die mögen wir gar nicht erst anzweifeln.

Philipp: Du, Michael, hast von Beginn an diverse Probleme.

Daniel: So mag ich das. Mäßiger Start also.

Philipp: Tatsächlich ist es so, dass du auf die Welt kommst und eine Fehlstellung in den Beinen hast. Das ist irgendwie bei der Geburt passiert. In jedem Fall ist das reparabel, ja, aber dafür musst du als Kind relativ lange die Beine in Gips haben, damit die gerade werden.

Daniel: Verstehe.

Philipp: Die sind nämlich nicht gerade. Aber damit sie gerade werden, macht man da Gips drum und dann funktioniert das. Heute gibt es das auch noch, da haben Leute Schienen und können nicht richtig gehen. Das ist einfach die erste Geschichte, mit der du ins Leben startest.

Daniel: Ich wünsche mir erstmal selbst gute Besserung. Gute Besserung an mich! Und Happy Birthday to me.

Philipp: Es passiert, dass du irgendwann alt genug bist und in die Schule gehen kannst.

Daniel: Ich dachte, du sagst, es passiert irgendwann, dass du Geburtstag hast. Danke, viel geschafft. Aber ja, ich gehe zur Schule. Also gehe ich wirklich oder werde ich hingerollt?

Philipp: Nee, du gehst. Du kannst immer besser laufen und irgendwann funktioniert das auch von ganz alleine.

Daniel: Ich habe meine Gebeine bei mir.

Philipp: Du hast deine Gebeine bereits bei dir und gehst in die Schule in Cheltenham. Du bist ein normaler Schüler, würde ich jetzt mal behaupten. Dein Vater ist Maurer und wünscht sich, dass du später auch diesen Beruf des Maurers und Stuckateurs ausübst.

Daniel: Das lässt sich bestimmt einrichten.

Philipp: Es läuft auch genau in diese Richtung. Du bist allerdings fasziniert – und jetzt sind wir wieder bei einer klassischen heldendummen Geschichte – einerseits von der großen weiten Welt und andererseits hast du einen großen Traum.

Daniel: Das kommt öfter vor in deinen Geschichten.

Philipp: Es ist so. Wir hatten Hermanns großen Traum, heute haben wir Michaels großen Traum.

Daniel: Ich wollte gerade sagen: Bei dir sind es große Träume und bei mir träumen die Leute einfach nur.

Philipp: Das stimmt allerdings. Bei dir sind es Träume mit großen Konsequenzen.

Daniel: Häufig auch, ja. Kleine Träume mit großen Konsequenzen.

Philipp: Du entdeckst deinen großen Traum im Jahr 1972. 1972 passiert etwas, was 2026 auch passiert und weshalb wir heute im Februar ’26 diese Folge machen: Die Olympischen Winterspiele finden statt.

Daniel: Ah, okay. Ich habe jetzt gerade gedacht, ist es eine Sonnenfinsternis oder eine Planet-X-Umrundung?

Philipp: Du bist auf einer ganz anderen Skala unterwegs.

Daniel: Na ja, du hast mir gesagt, ich soll hoch hinausschauen, also habe ich hoch hinausgeschaut. Oder zu hoch?

Philipp: Du hast dich am Firmament bewegt. Ich hingegen war auf dem Boden der Tatsachen, nämlich auf dem Boden der kleinen Wohnung des Maurers aus Cheltenham, wo Michael vor dem Fernseher sitzt und Skilanglauf guckt. Kann man ja auch mal machen.

Daniel: Kann man mal machen.

Philipp: Und du findest das richtig toll. Erstens sind die Olympischen Winterspiele in Sapporo in Japan toll – mal nach Japan, große weite Welt. Und im gleichen Jahr finden die Olympischen Sommerspiele in München statt, eher unrühmlich und nicht durch sportliche Leistungen bekannt geworden.

Daniel: Das stimmt. Trotzdem faszinierend.

Philipp: Und vor allem gefällt dir das olympische Motto. Das bekannte Motto ist natürlich „Höher, schneller, weiter“, aber das andere, auch sehr bekannte Motto ist: „Dabei sein ist alles“.

Daniel: Jawohl, auch mit Maurerbeinen!

Philipp: Scheißegal. Es ist für dich zwar ein bisschen schwierig: Du bist ein neunjähriger, leicht untersetzter Junge aus Cheltenham. Du kannst nichts besonders gut, hast keine besonderen Leidenschaften, bist keine Sportskanone und außerdem kannst du auch nicht richtig geradeaus gucken. Das ist auch noch so ein Problem.

Daniel: Ich glaube, wenn man irgendetwas in unserem Podcast gelernt hat, dann ist es: Wenn man nichts kann und nichts hat, kann man trotzdem große Dinge erreichen. Ob sie etwas positives Großes sind, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Philipp: Man kann es sich auch einfach machen und sagen: Die Betrachtung und Einordnung meiner Tätigkeiten überlasse ich der Nachwelt.

Daniel: Jawohl, sehr schön gesagt! Den Satz kannst du auf die Liste packen. Diese Liste ist irgendwann einfach eine Zusammenstellung aus Dingen, die so ein Pharao im zweiten Jahrhundert geschrieben hätte. Völlig zeitlich durcheinander, aber scheißegal. Weg der Dummheit.

Philipp: Der Weg der Dummheit. Falls wir mal ein Museum aufmachen, wissen wir jetzt schon: Der Weg der Dummheit muss beschritten werden.

Daniel: Das Denkmal der Dummheit? War das ein Mahnmal?

Philipp: Nee, ich glaube, das Denkmal der Dummheit war dieser Lasterfahrer, der falsch abgebogen und stecken geblieben ist. Hast du bestimmt mitbekommen. Der hat das selber so gesagt: „Hütet euch vor falschen Wegweisern.“ Irgendwie sowas.

Daniel: Hüte dich, denn es ist kalt draußen, und bebrille dich, denn es ist neblig.

Philipp: Du siehst nicht so gut und stellst fest: Sehschwäche, aber übel. Du bist weitsichtig und kannst im Prinzip ohne deine sehr starke Brille kaum was sehen.

Daniel: Okay. Solange ich dann eine Brille habe, die gut an meinem Kopf sitzt, wie diese hier, die ich gerade extra für dich trage, bin ich gesichert?

Philipp: Da bist du gesichert, da läufst du zumindest nirgendwo vor. Aber dazu kommen wir noch. Deine Schulzeit ist normal, zurückhaltend, es passiert nicht viel. Dein Traum bleibt dir immer im Kopf, aber darüber hinaus passiert nicht herausragend viel – außer das Jahreshighlight jedes Dreizehnjährigen.

Daniel: Das Jahreshighlight eines Dreizehnjährigen? Ganz klar: die Klassenfahrt.

Philipp: Genau. Und für dich aus dieser englischen Stadt ist das eine ganz besondere Klassenfahrt. 1977 geht es für dich und deine Klasse nach Italien.

Daniel: Oh, Bella Italia!

Philipp: Man steigt in Cheltenham in so einen alten Reisebus.

Daniel: Und in der Wasserflasche ist Wodka?

Philipp: Mit 13 bin ich mir nicht sicher, aber nicht unmöglich. Dann geht es durch halb England, über den Ärmelkanal, durch ganz Frankreich und irgendwann bist du nach 400 Stunden und mit einem wunden Arsch in Italien. Soweit runter geht es aber gar nicht, ihr seid in den Alpen unterwegs, in den italienischen Alpen. Dort geht ihr in ein Skigebiet. Da du mit großer Freude immer Winterolympia verfolgt hast, sagst du: „Ich will auch mal Skifahren.“

Daniel: Ja, natürlich! Ich habe doch bestimmt verborgene Talente. Wenn ich Holz unter den Füßen habe, dann fühle ich mich frei.

Philipp: Und genauso ist es. Du findest das richtig fett geil. Du weißt zwar noch nicht genau, in welche Richtung es gehen soll – Abfahrt mit Vollgas oder Slalom…

Daniel: Weit springen! Schanzentournee!

Philipp: Warte mal ab, dazu kommen wir noch. Du machst deine eigene Privatschanzentournee. Aber du merkst: Skifahren finde ich richtig geil. Das Problem ist nur: Du wohnst in England.

Daniel: Da gibt es nicht so viel Skifahren. Da gibt es höchstens Käseballen, die man den Hügel runterrollen lässt. Berge gibt es auch nicht viele. Wahrscheinlich rutsche ich auf einer Aldi-Tüte den Hügel runter.

Philipp: Es ist tatsächlich gar nicht so weit davon entfernt. Du kommst zurück von dieser Klassenfahrt und verbringst ab dann viel Zeit in Gloucester. In Gloucester gibt es nämlich eine sogenannte „Dry Slope“.

Daniel: Oh, eine Dry Slope? Also künstlicher, nicht kalter Schnee? Wie kann ich mir das vorstellen?

Philipp: Ich schicke dir mal ein Bild, damit du es beschreiben kannst. Was siehst du hier?

Daniel: Das sieht aus wie Sand, aber es ist kein Sand. Es sieht ein bisschen aus wie Leinensäcke, die gespannt und gefüllt sind. Das sind Schichten von einem Material, das ich nicht zuordnen kann. Auf jeden Fall fährt da einer Ski und es gibt sogar einen Lift. Da ballert einer mit Helm und Stock runter. Das zweite Bild sieht ein bisschen aus wie Kopfsteinpflaster in einer Altstadt. Es ist verkettet. Ich könnte dir gar nicht sagen, was das für ein Material ist.

Philipp: Fakt ist: Es ist eine Skipiste, die ohne Schnee funktioniert. Die Oberfläche simuliert den Schnee. Dort bist du regelmäßig und fährst diese 500 Meter lange Piste runter.

Daniel: Klar, wenn man nichts anderes hat. Es ist vielleicht nicht das weiße Schneewunder, aber für das Gefühl der Fortbewegung und den Wind in den Haaren passt es.

Philipp: Du hast da mit etwa 14 angefangen runterzupesen. Ich habe übrigens das Material gefunden: Wonach sieht das für dich aus?

Daniel: Ohrenstäbchen!

Philipp: Jawohl. Wir fahren auf Ohrenstäbchen den Berg runter. Du schließt die Schule ab, wirst mit 16 oder 17 Maurer und Stuckateur und machst eine Ausbildung bei deinem Vater.

Daniel: Ich habe ein geregeltes Leben, einen Job und ein Hobby. Fehlen nur noch Frau und Kind.

Philipp: Zum Kind kommen wir nicht und zur Frau eigentlich auch nicht, ich erkläre dir gleich warum. Seit vier oder fünf Jahren fährst du jetzt immer diese gleichen 500 Meter auf Ohrenstäbchen runter. Das wird dir irgendwann langweilig. Wenn du als Abfahrtsläufer zu den Olympischen Spielen willst, ist das ein bisschen lahm. Also fängst du an, dort kleine Hügel zu bauen, über die du drüber springst.

Daniel: „Hey Leute, ich habe hier zwei Kilo Q-Tips mitgebracht, ich stapel den Shit!“

Philipp: Du stapelst den Shit sogar richtig hoch und springst über andere Skifahrer hinweg. Du hast einen Heidenspaß daran und springst mit deinen Skiern sogar über eine Straße. Welcome to Jackass! Du bist erst 16 oder 17 und bekommst die Möglichkeit, mit der englischen Ski-Nationalmannschaft zu trainieren.

Daniel: Obwohl ich nur Schabernack getrieben habe und über die Straße geflogen bin?

Philipp: Die Leistungsdichte ist da nicht so hoch. Der Brite an sich fährt eher selten Ski. Unter den Blinden ist der Einäugige König. Du bist tatsächlich der Beste im Abfahrtslauf gegen die anderen Engländer. Aber sagen wir es, wie es ist: Das Kind aus der Arbeiterschicht mit dem Second-Hand-Renntrikot wird rausgemobbt.

Daniel: Verstehe. Obwohl ich gut bin, lassen sie mich fallen?

Philipp: Ja. Aber Skifahren muss man nicht im Team machen, also bist du auf eigene Faust unterwegs. Du verdienst jetzt ein bisschen Geld und fährst zum Beispiel nach Schottland in die Highlands. Da gibt es echte Berge und sogar Schnee, und zwar in Glenshee. Ich zeige dir mal ein Bild.

Daniel: Das sieht aus wie eine kleine Piste, wie ich sie mir vorstelle. Ich persönlich stand nur einmal auf Ski und wollte es nie wieder machen. Aber es sieht geil aus.

Philipp: Es ist vielleicht nicht steil, aber es gibt 40 Kilometer Piste, sogar schwarze Pisten. Das ist ideal für dein Training. Dein ganzer Monatslohn geht dafür drauf. In der Wintersaison 1983 siedelst du sogar ganz nach Glenshee um.

Daniel: Ich bin in meinem Element!

Philipp: Das Problem ist: Du verdienst dort kein Geld.

Daniel: Soll ich da Eis-Backsteine mauern? „Ich bau euch ein Iglu!“

Philipp: Du machst Hilfsarbeiten, Schneeschaufeln, Ski wachsen. Da das nicht gut bezahlt wird, lebst du in einem ausgebauten Kleinbus.

Daniel: Gut, man muss manchmal einfach schlucken…

Philipp: Du hast es mit einer solchen Überzeugung gesagt… ja, du hattest schwer zu schlucken.

Daniel: Das Leben hat mich gefüttert, aber nie mit den guten Dingen.

Philipp: Das liegt im Auge – oder Rachen – des Betrachters. Wenn es nachts arschkalt ist, mietest du dich mal im Hotel ein, aber meistens lebst du im Bus. Du nimmst dann an kleineren Wettbewerben im Speedskiing teil.

Daniel: So schnell wie möglich Skifahren? Ich bin dabei! Ich bin der schnellste Mexikaner!

Philipp: Du gibst Vollgas, auch beim Après-Ski. Eines Abends siehst du auf der Hütte eine sehr schöne Frau. Wir wissen nicht, wie sie heißt, aber du machst ihr Avancen. Du bist aber nicht der einzige Verehrer, es gibt einen Rivalen. Die Dame macht sich einen Spaß daraus und sagt: „Wer das Skirennen gewinnt, darf mit mir essen gehen.“ Ihr stellt euch oben auf der Piste hin – wer zuerst unten ist, gewinnt.

Daniel: Dafür habe ich mich auf meinen 500 Metern mein ganzes Leben vorbereitet! Ich bin sicher, dass ich gewinne.

Philipp: Wie geht das Rennen aus? Deine Sicht ist ohne Brille ja nicht gut.

Daniel: Habe ich denn die Brille auf? Achte ich auf die Strecke oder auf die Lady?

Philipp: Die Lady ist unten im Tal. Geh mal davon aus, dass deine Fähigkeiten nicht ganz dem Skill-Level entsprechen, das du von dir erwartest.

Daniel: Ich würde sagen, wir fahren los und der Luftwiderstand war einfach zu groß.

Philipp: Keiner von euch kommt unten an. Ihr startet, dein Rivale liegt vorne, du fährst am absoluten Limit. Du willst den Windschatten nutzen, wie bei Need for Speed. In einer Kurve willst du ihn überholen, nimmst sie aber zu eng, rutschst raus, knallst voll in deinen Kontrahenten rein und brichst dir den Rücken und das Genick.

Daniel: Oh… Scheiße.

Philipp: Du musst vom Berg gerettet werden. Der andere Mann bleibt unverletzt, geht mit der Frau essen, sie kommen zusammen und heiraten. Du liegst sechs Wochen im Streckverband.

Daniel: Das hat ein unglückliches Zwischenende genommen. Du sagtest, ich werde Sterne sehen, aber ich dachte nicht so.

Philipp: Dein Traum von Olympia könnte kaum weiter weg sein: Rücken gebrochen, Genick gebrochen, Sehschwäche und dazu bist du noch leicht übergewichtig.

Daniel: Mein Gott, das hätte man wegtrainieren können, wenn die Knochen ganz wären.

Philipp: Du erholst dich aber und sagst: „Es muss ja weitergehen.“ Die Frauenproblematik ist Schnee von gestern. Es vergehen zwei, drei Jahre, du bist wieder voll einsatzfähig und hast Geld gespart. Jetzt willst du das Comeback in den USA wagen, in Lake Placid.

Daniel: Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Vom Tellerwäscher zum Pistenflitzer.

Philipp: Genau. Aber kaum bist du in den USA, hast du kein Geld mehr, weil alles für den Flug draufging. Du kannst dir genau für einen Tag den Skipass leisten. Du stehst auf der Piste und hörst plötzlich ein Geräusch: erst ein Rutschen, dann hört das Rutschen auf und etwas fällt in den Schnee. Du blickst nach links und weißt, wo die Reise hingeht: Skispringer!

Daniel: Jawohl! Da braucht man keine Piste, nur eine Schanze. Und man braucht keinen Skipass, weil man ja nicht auf die Piste will.

Philipp: Man braucht kein teures Equipment, keine Stöcke. Man muss sich einfach nur gehen lassen: rutschen, springen, aufkommen, fertig. In Großbritannien gibt es keine einzige Skisprungschanze, aber du gehst in eine verlassene Skihütte. Dort triffst du Chuck Berghorn, einen ehemaligen Skispringer. Der gibt dir eine alte Ausrüstung. Chuck Berghorn kannst du dir übrigens vorstellen wie Hugh Jackman.

Daniel: Also ein kleiner, breiter Mann?

Philipp: Nein, Hugh Jackman hat ihn später im Film gespielt.

Daniel: Ach so. Ich hatte gerade Wolverine im Kopf, und der ist klein. Aber okay, ich sehe Hugh Jackman vor mir.

Philipp: Dieser Typ gibt dir Starthilfe. Das Equipment ist aber ein Problem: Der Helm hat keinen Verschluss mehr und die Schuhe sind sechs Nummern zu groß. Wie löst du das?

Daniel: Ich schneide ein Stück von den Schuhen raus, baue mir daraus eine Schnalle für das Kinn und habe dann halt zwei Löcher vorne in den Schuhen.

Philipp: Es ist einfacher: Du nimmst ein Stück Seil als Schnalle für den Helm. Und für die zu großen Schuhe? Du ziehst einfach sechs Paar Socken an.

Daniel: Ich hätte jetzt Socken vorne reingestopft, aber okay. Hauptsache wir überleben.

Philipp: Du bist jetzt Skispringer. Was weißt du über Skispringen?

Daniel: Man rutscht die Schanze runter, macht sich klein in der Hocke, streckt beim Sprung die Beine aus, Arme nach hinten und hält das Gleichgewicht. Und man muss im richtigen Winkel aufkommen, damit man sich die Beine nicht zerstört.

Philipp: Richtig. Damals sprang man aber noch im Parallelstil, nicht im V-Stil wie heute. Dein Training beginnt: Zuerst springst du aus fünf Metern Höhe. Das klappt gut. Dann steigerst du dich am ersten Tag direkt auf 40 Meter. Normalerweise erfordert das jahrelanges Training, aber du hast keine Angst. Ein Problem bleibt: Deine Skibrille beschlägt in Rekordgeschwindigkeit, weil du ja deine normale Brille darunter trägst.

Daniel: Es ist also doppelt verglast? Das wünscht man sich normalerweise im Haus.

Philipp: Das führt dazu, dass du komplett beschlagen aus 40 Metern abspringst. Du siehst nichts mehr.

Daniel: Piloten fliegen auch manchmal nach Gefühl und Instrumenten. Wenn die das können, kann ich das auch. Ich habe ja nur meine Füße im richtigen Winkel zu halten. Es liegt nur an mir!

Philipp: Du bist fest davon überzeugt: „Ich bin der Überflieger!“ Dein Ziel sind die Olympischen Winterspiele 1988 in Calgary. Aber es gibt zwei Voraussetzungen: Dein Land muss dich nominieren und du musst nachweisen, dass du es kannst, indem du an offiziellen Wettbewerben teilnimmst.

Daniel: Das sollte kein Problem sein. Ich trete an den britischen Verband heran und will mich für den Weltcup anmelden.

Philipp: Der Verband druckst erst rum, aber dann stellt sich heraus: Es gibt genau einen einzigen Skispringer in Großbritannien – und das bist du. Also schicken sie dich zum Auftakt der Vierschanzentournee am 30. Dezember 1986 nach Oberstdorf.

Daniel: Das ist quasi schon der erste Sieg! Ich bin genau da, wo das Schicksal mich haben wollte.

Philipp: Du stehst in Oberstdorf am Startbalken. Vorher machst du Probesprünge, aber die Schnur am Helm reißt, der Wind ist stark und dein Helm fliegt in der Luft weg.

Daniel: Habe ich Haare? Okay, trotzdem kein Problem. Mit Glatze wäre es windschlüpfriger, aber es wird funktionieren.

Philipp: Du bekommst einen neuen Helm. Du bist immer noch pleite, aber deine Weltkarriere beginnt. Du rutschst die Großschanze in Oberstdorf runter, springst, landest ohne Sturz – geschafft! Erster Milestone. Du schaust auf die Anzeigetafel: Der Sieger hat 195 Punkte. Du belegst den 110. Platz – das ist der letzte – mit 15 Punkten.

Daniel: Dabei sein ist alles!

Philipp: Ein paar Wochen später ist die Ski-WM. Da du nicht gestürzt bist, meldet dich der Verband wieder an. Du wirst wieder Letzter, aber du holst 88 Punkte. Es geht deutlich bergauf! Die Saison endet, du trainierst im Sommer in Finnland weiter. Da du kein Geld hast, holst du Essen aus Mülleimern und arbeitest als Bodenwischer oder Schneeschaufler. In Finnland lernst du einen Stuckateur kennen, der ein großes Gebäude renoviert. Er sagt, du kannst dort in einem Zimmer schlafen.

Daniel: Das ist pragmatisch. Was für ein Gebäude ist das?

Philipp: Eine finnische Nervenheilanstalt. Dort lebst du fünf Wochen in einer der Zellen, weil du keine Alternative hast. Dann kommt der Winter 87/88. Du musst die Olympia-Norm schaffen: weiter springen und nicht stürzen. Bei der Vierschanzentournee wirst du wieder überall Letzter, teilweise mit 200 Punkten Rückstand, aber du stürzt nicht. Kurz darauf kommt die Nachricht: Olympia-Norm erreicht, du darfst teilnehmen!

Daniel: Spiel, Satz und Sieg!

Philipp: Mittlerweile bist du populär. Alle finden diesen untersetzten Typen mit der riesigen, beschlagenen Brille lustig und cool. Du bekommst einen Spitznamen: „Eddie the Eagle“.

Daniel: Den Namen habe ich schon mal gehört! Das klingt nach einer perfekten Underdog-Story.

Philipp: Vor den Spielen geht das durch die ganze Presse. Alle finden dich sympathisch, weil du als Underdog durchziehst und immer konstant Letzter wirst. Kurz vor Calgary hast du aber drei Probleme: Du bist pleite, der Verband zahlt nichts und du hast dir im Training den Kiefer gebrochen.

Daniel: Ich brauche meinen Kiefer nicht zum Fliegen! Wenn ich den Helm eng genug schnalle, ist das kein Problem.

Philipp: Du gehst nicht zum Arzt, weil der dich aus dem Wettbewerb nehmen würde. Du nimmst einen Kopfkissenbezug und eine Schnur und bindest dir den Kiefer ganz fest, damit er sich nicht mehr bewegen kann. So springst du 60 Mal am Tag im Training. Es tut höllisch weh, aber du ziehst durch. Du landest in Calgary am Flughafen und tausende Journalisten warten auf dich. Es ist zwei Uhr morgens, du wartest am Gepäckband auf dein Zeug. Und dann passiert das Peinlichste: Dein Koffer ist aufgegangen und die gesamte Weltpresse sieht deine Unterhosen auf dem Gepäckband im Kreis fahren.

Daniel: Oh Gott… Ich hoffe, es waren weiße Shorts mit Herzchen.

Philipp: Du packst alles schnell zusammen, willst durch eine Glastür rausrennen und rennst voll dagegen, weil sie nicht automatisch aufging.

Daniel: Das war alles Show für die Journalisten! Man muss denen was bieten.

Philipp: Im Hotel musst du nebenbei deine Schulden abarbeiten. Aber dann beginnt Olympia. Ich habe dir ein Video geschickt, schau es dir an.

Daniel: Ich fühle mich an meine Kindheit erinnert, ich habe Skispringen geliebt. Die pinke Brille und der blaue Spandex-Anzug sind wunderschön! Ich sehe hier in der Tabelle: Eddie war Platz 58 mit 69 Punkten. Der Vorletzte hatte 140 Punkte. Aber er ist geflogen wie ein Adler – ein fetter Adler!

Philipp: Er hat zum Glück nichts fallen lassen in der Luft. Im Hintergrund hört man: „Eddie the Eagle sets a British record!“ Nie zuvor ist ein Brite weiter gesprungen. In der einen Perspektive sieht der Flug majestätisch aus, in der anderen wie ein kleiner Hüpfer. Zeitweise nannten sie ihn auch „Skidropper“.

Daniel: Es ist nicht majestätisch, aber wir könnten es nicht besser.

Philipp: Du bist der absolute Liebling der Masse. Bei der Abschlussfeier vor 100.000 Menschen sagt der Organisator: „Manche von euch sind geflogen wie Adler“, und das ganze Stadion bricht in „Eddie! Eddie!“-Chöre aus. Du bist der Star der Spiele. Aber die anderen Skispringer und Funktionäre finden das gar nicht lustig. Sie sagen, das sei eine Schande für den Sport und beschreiten den Rechtsweg. Deshalb hat das Olympische Komitee die „Eddie the Eagle Rule“ eingeführt.

Daniel: Die olympische Cooper-Klemme?

Philipp: Genau. Heute musst du zu den besten 30% oder 50% weltweit gehören, um teilnehmen zu dürfen. Man hat die Hürden so hoch gelegt, dass so etwas wie Eddie nicht mehr passieren kann. Das wird oft kritisiert, weil das Motto „Dabei sein ist alles“ damit quasi abgeschafft wurde.

Daniel: Wem tut so ein Eddie denn weh?

Philipp: Offensichtlich den Profis. Für dich heißt das, dass du dich 1992 nicht mehr qualifizieren kannst. Deine Karriere ging also nur von ’86 bis ’89. Den Rest deines Lebens verbringst du aber auch recht „quatschig“: Du trittst bei Johnny Carson auf, schreibst ein Buch, machst Werbung und nimmst sogar eine Single auf Finnisch auf, obwohl du die Sprache nicht sprichst.

Daniel: War das ein Werbedeal?

Philipp: Nein, einfach so. 1993 musst du Insolvenz anmelden, weil deine Treuhänder dein ganzes Geld veruntreut haben.

Daniel: Es ist immer wieder Pauli! Wie bei Rocky.

Philipp: Du gewinnst zwar den Prozess, kriegst aber nicht alles Geld zurück. Deshalb fängst du ein Jurastudium an und schließt es 2003 erfolgreich ab. Du arbeitest aber nie als Anwalt, sondern weiter als Maurer und Stuckateur. 2010 darfst du aber die olympische Fackel ein Stück durch Winnipeg tragen, als späte Entschuldigung des Komitees. Und 2016 kam dann der Film mit Hugh Jackman als dein Trainer raus.

Daniel: Den werde ich mir definitiv angucken.

Philipp: 2017 bist du für einen Charity-Event sogar noch mal von der Schanze gesprungen. Du bist eine britische Legende und jeder kennt dich. Das war die Geschichte von Eddie the Eagle.

Daniel: Den Namen habe ich schon mal gehört, konnte ihn aber nicht zuordnen. Aber holla die Waldfee, es ging hoch hinaus! Der Spirit hat den Guten einfach so weit gezogen. Eine super Story, hat mir sehr gefallen.

Philipp: Mir ist noch eine Parallele aufgefallen: Ich schicke dir mal ein Bild von Eddie und von Larry Walters aus der ersten Folge. Die sehen sich mit dem Schnäuzer und der Brille extrem ähnlich. Vielleicht waren das auch einfach nur die 80er.

Daniel: Sie träumen alle entweder von Höhen oder von Weiten. Aber es hat Spaß gemacht. Man kann sich eine Scheibe von Eddie abschneiden – aber bitte nicht die Scheibe, wo er mit Kieferbruch springt.

Philipp: Genau. Macht das nicht zu Hause nach. Wir fliegen jetzt die Piste entlang. Von jetzt an geht es nur noch bergab. Grüße vom Schanzentisch!

Daniel: Grüße vom Schanzentisch! Ich habe eine Vermutung, dass wir als nächstes Gold herstellen werden – wieder die Alchemisten. Wir sehen uns in drei Wochen!

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