Transkript zu: Türken-Tournee

2026-04-22

Transkript zur Episode: Türken-Tournee

Daniel: Hallo Philipp.

Philipp: Hallo Daniel.

Daniel: Philipp, ich glaube, ich habe die folgende Frage schon mal gestellt, aber ich tu’s noch mal: Du kennst dich doch mit Videospielen aus?

Philipp: Ein bisschen, ja.

Daniel: Ich möchte, dass du dir im Laufe der Episode so ein bisschen eine Welt im Kopf zurechtlegst. Ja, so eine Mischung aus Mist – aus Bioshock, aus Syberia, und so ein kleines bisschen Phantasmagoria.

Philipp: Ei, das ist aber ne ganz spannende Mischung, aber das sind alles Sachen, die ich toll finde.

Daniel: Insofern wird das ne ganz spannende Sache. Das ist so n bisschen ne abgelegene, eigene, etwas komische Welt, auf jeden Fall fernab der Zivilisation, in den meisten Fällen.

Philipp: Ja, jetzt wo du es gerade sagst, schon, aber…

Daniel: Das, worauf ich hinaus möchte, das wirst du auch im Laufe der Episode sehen, worum es geht. Aber es geht um eine Sache, die all diese Welten gemeinsam haben, ein Objekt – aber darüber sprechen wir gleich noch.

Philipp: Ein riesiges Steingesicht? Nein – auf nach Nipper Womset, los geht es!

Daniel: Auf nach Nipper Womset – nee, heute geht es nicht nach Nipper Womset. Heute geht es nach Bratislava, beziehungsweise nach Pressburg, wie es damals geheißen hat. Und zwar nämlich im Jahr 1734 in Österreich-Ungarn. Da sind wir nämlich.

Philipp: Das ist – sind wir in der Helden-und-Dumm-Zeitrechnung vor oder nach Karánsebes?

Daniel: Darüber sprechen wir gleich noch.

Philipp: Ah.

Daniel: Du wirst geboren als ein Mann vieler Vornamen, denn dein Vorname ist Wolfgang Franziskus de Paula Johannes Elemosinarius.

Philipp: Elemosinarius?

Daniel: Elemosinarius. Und der Nachname ist von Kempelen. Sagt dir dieser Name irgendwas?

Philipp: Moment, sag ihn bitte noch mal vollständig.

Daniel: Wolfgang Franziskus de Paula, Johannes Elemosinarius.

Philipp: Elemosinarius von Kempelen.

Daniel: Elemosinarius von Kempelen.

Philipp: Nein, sagt mir nix. Gut, kann ich nichts mit anfangen, ich kenne keine Leute, die Elemosinarius heißen oder wie das jetzt noch mal war. Der El Mosaurus aus der Sesamstraße, der Dino – wer kennt die nicht?

Daniel: Wer kennt die nicht? Also bleiben wir bei Wolfgang, ist am einfachsten.

Philipp: Ist am einfachsten, ja.

Daniel: Außerdem kennen wir ja auch – Grüße an dieser Stelle, wie immer, an deine Eltern, Engelbert und Anna, die haben es einfach mit den Namen…

Philipp: Ja, die hatten nicht so viele Namen.

Daniel: Ne, deren Eltern hatten n bisschen zurückgeschraubt, was die Ambitionen angeht, scheinbar.

Philipp: Das stimmt.

Daniel: Aber deinen Eltern ging es n bisschen besser, deswegen hatten die ja auch paar Namen über, scheinbar. Neben dir haben sie schon 2 Söhne, der eine ist 9 und der andere ist 18, und du kommst auch aus einer Familie, die sich sehen lässt: Dein Vater ist n adliger Zollbeamter, sehr gut, und der ist am Habsburger Hof übrigens noch tätig. Und wenn wir so bis in die Zukunft blicken: Einer deiner Brüder wird Sekretär des Botschafters in Konstantinopel, und der andere Generalmajor in der Armee.

Philipp: Also da muss man aber sagen, da haben wir aber ne gute Partie gemacht, ne – meine Eltern, also die Söhne sind ja bestens unterwegs.

Daniel: Ja gut, deine Mutter – sie existiert.

Philipp: Sie? Ja gut, das ist ja – aber wir sind 1700, schieß mich tot, also können wir froh sein, dass sie nicht irgendwo auf einer Kuh geritten ist oder so.

Daniel: Ja, das stimmt ja, aber gut, falls sie irgendwas Tolles gemacht haben sollte, dann wird es wahrscheinlich nicht aufgeschrieben, nicht überliefert worden sein. Aber na ja, Anna, Engelbert, deine Brüder und du – und auf jeden Fall, dadurch, dass du halt keine Frau, aber dafür n Junge bist, wirst du wahrscheinlich in große Fußstapfen treten müssen, und deswegen geht es in deiner Jugend direkt, sobald du kannst, an ein Gymnasium, und später wirst du quer durch Europa an verschiedene Universitäten geschickt, weil du gut auf deine Beamtenlaufbahn vorbereitet werden sollst, die deine Eltern quasi von dir fast schon erwarten.

Philipp: Ja gut, aber das scheint ja nicht nur von mir so zu sein, sondern es scheint ja ein quasi familienintern erwartetes Ziel zu sein, so ein bisschen.

Daniel: Genau, du scheinst nicht alleine zu sein mit diesem Schicksal.

Philipp: Nee, nee, absolut nicht.

Daniel: Du studierst Philosophie, du studierst Rechtswissenschaften, du studierst Physik, du studierst Mathematik.

Philipp: Da komm ich ja ganz schön rum.

Daniel: Und du wächst mehrsprachig auf. In deiner Jugend sprichst du bereits Deutsch, Ungarisch, Latein, Französisch, Italienisch, und eine Sprache, die dem heutigen Slowakischen am nächsten kommen würde.

Philipp: Also bin ich quasi so n Wunderkind, oder ist das jetzt einfach nur, weil ich diese Schulbildung genießen kann, weil meine Eltern mir das ermöglichen?

Daniel: Sowohl als auch. Also du bist schon nicht dumm – zum ersten Mal in der Geschichte von Heldendumm sprechen wir mit einem schlauen Menschen.

Philipp: Mit einem schlauen Menschen.

Daniel: Du lernst übrigens später noch Englisch und Rumänisch.

Philipp: Da bin ich ja so n richtiger Tausendsassa, was Sprachen angeht.

Daniel: Du bist n Polyglott, wie man das heutzutage nennt.

Philipp: Oh, sehr, oh, oh, oh, meine Herren, ich mag dieses Wort. Das ist n sehr tolles Wort.

Daniel: Ja, das stimmt. Na ja, und auf jeden Fall, du bist auch n krasses Multitalent, weil du schaffst es ja – also du scheinst ja überall irgendwo deine Nase reingesteckt zu haben, und du scheinst diese Sachen ja gelernt, studiert zu haben, und du hast es scheinbar auch drauf. Und du bist gerade mal 21, also ungefähr 1755, dann beginnt deine Arbeit als Beamter an der ungarischen Hofkammer.

Philipp: Hofkammer bedeutet Zahlmeister-Geschichten?

Daniel: Ja, pass auf, du bist was viel Besseres: Du bist ein Konzipist.

Philipp: Was ist denn ein Konzipist?

Daniel: Ein Konzipist – musste ich nachgucken – die Bezeichnung “Konzipist” ist jemand, der Konzepte, Problemlösungen und sonstige ähnliche Schriften verfasst.

Philipp: Das ist OK, also jemand, der Konzepte erstellt.

Daniel: Jemand, der Konzepte erstellt, ja, im Endeffekt. Bei Wikipedia stand – das fand ich sehr, sehr geil – bei Wikipedia stand, heutzutage würde man das so etwas wie n Projektleiter nennen.

Philipp: Und da hab ich mir gedacht: Sei Projektleiter? Aber, also, weiß ich nicht – so als jemand, der irgendwelche Problemlösungen schreibt, irgendwelche Konzepte erfindet und so weiter, das klingt ja wie jemand, der sich irgend so n Scheiß ausdenkt und dann irgendwelche wilden Ideen durch die Gegend wirft und sagt: Pass auf, du machst das, du machst das, weil das ist meine Problemlösung. Und da hab ich mir gedacht, ja, Moment, das ist ja n Projektleiter.

Daniel: Genau, also das trifft es ganz gut.

Philipp: Grüße gehen raus an alle Projektleiter. Also das ist aber sehr interessant. Also ich bin Konzipist am Hof.

Daniel: Konzipist am Hof, genau, OK.

Philipp: Und betrifft meine Problemlösung bestimmte Bereiche, oder bin ich da quasi Mädchen für alles?

Daniel: Du bist – wir kommen gleich noch dazu, was du genau machst, aber du bist schon so n bisschen Mädchen für alles, aber du spezialisierst dich auf bestimmte Bereiche. Ich werd gleich mehr dazu sagen. Auf jeden Fall, die Arbeit, die du machst, machst du sehr gut, so gut, dass du quasi vom Konzipisten zum Sekretär befördert wirst.

Philipp: Ach, guck mal, das ist sogar – unter einem Sekretär sogar noch…

Daniel: Genau. Ja, wie gesagt, das Mädchen für alles, für Projekte und so weiter und so fort. Aber jetzt wirst du zum Sekretär befördert, auch wenn das aus den Quellen so ganz nicht herausgeht, was du da, also welche Tätigkeiten zum Konzipisten und welche Tätigkeiten zum Sekretär gehören, weil, wie gesagt, wir kommen noch dazu, was du alles noch machen wirst. Aber erstmal lernst du eine Frau kennen.

Philipp: Wieso häufig?

Daniel: Maria Franziska ist ne Hofdame.

Philipp: Und die Hofdame?

Daniel: Die findest du entzückend, sie findet dich entzückend, und ihr heiratet, und ihr habt 2 gute Jahre, denn dann stirbt sie an einer Verstopfung des Unterleibes.

Philipp: Also Moment, welcher Seite?

Daniel: Was genau verstopft war, wird nicht überliefert.

Philipp: Gut, OK, ich geh dann von der herkömmlichen, also von der sagen wir mal Hausfrauendiagnose aus: War jedenfalls mal kurzer Spaß und Sole aus Seitenstangen.

Daniel: Cola und Salzstangen – hätte es damals schon Cola und Salzstangen gegeben, wäre es nicht passiert.

Philipp: Oder erst recht?

Daniel: Es kommt drauf an, wie man fragt. Jedenfalls, wie gesagt, kurzer Spaß mit Maria Franziska, und du bist mittlerweile 26, es ist 1760, und du wirst zur Erzherzogin und Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches – da wären wir wieder, Maria Theresia von Österreich – einberufen, denn zu der Zeit gibt es eine Kommission, die an dem sogenannten Codex Theresianus arbeitet, nicht Theresaurus, ne, nicht noch mal Dinosaurier.

Philipp: Warte mal, aber nach der Theresia?

Daniel: Nach der Theresia, genau, Codex Theresianus, und das ist quasi ein Bürgerliches Gesetzbuch.

Philipp: Ach, guck mal, da braucht man n Konzipisten für.

Daniel: Da braucht man vor allem jemanden, der Latein spricht, weil dieses Ding kommt auf Latein raus, und du als Mitglied der Kommission sollst das Ding ins Deutsche und Ungarische übersetzen.

Philipp: Na gut, dafür bin ich ja ein Polyglott, wie ich gelernt habe.

Daniel: Korrekt. Und auch das machst du verdammt gut, was dir die Aufmerksamkeit von Maria Theresia bringt.

Philipp: Außerdem bin ich ja Single.

Daniel: Du bist Single, und Maria Theresia guckt dich an und denkt: Ach, dieser polyglotte Typ… nein, sie macht’s nicht. Was sie aber macht: Wir springen wieder n Stückchen nach vorne – sie wird dich in wenigen Jahren zum Rat der ungarischen Hofkammer ernennen.

Philipp: Zum Rat, das bedeutet, ich darf sie beraten, geh ich von aus?

Daniel: Ja, es ist alles schwierig nachzuvollziehen, was diese Leute genau in was für einer Funktion eingestellt worden sind und was sie am Ende gemacht haben, weil das ist ja heutzutage genauso – du wirst eingestellt als Business Analyst, also der Analyst…

Philipp: Genau, und damit machst du irgendwas ganz anderes.

Daniel: Genau, genau.

Philipp: Aber eigentlich trägst du die Taschen von A nach B oder so?

Daniel: Richtig, richtig. Dieses Mal, an der ungarischen Hofkammer, lernst du Maria Ana kennen, wie deine Hofdame – sie kommt quasi aus der Hofkammer, sie ist die persönliche Hofdame des Vizepräsidenten der Hofkammer, und du denkst dir so: Och, die ist schnuckelig, die hat Einfluss, sie ist gebildet, sie ist wohlhabend.

Philipp: Wo, wo, wo ist meine Hose?

Daniel: Du willst Nägel mit Köpfen machen, also heiratest du sie.

Philipp: Natürlich.

Daniel: Ihr zeugt 5 Kinder, keine Verstopfung.

Philipp: Sehr gut, also es wird ja immer besser, es geht ja richtig mal bergauf jetzt bei mir.

Daniel: Ja, absolut. Also man kann echt nicht klagen, und wie gesagt, nach beziehungsweise während der Familienplanung geht es an den neuen Job als Rat in der Hofkammer, und da bekommst du nämlich ne bestimmte Aufgabe, und zwar im weitesten Sinne terraformend.

Philipp: Vielleicht? Es wird ja immer interessanter, OK.

Daniel: Ich müsste dafür jetzt die Geschichte der Serben, der Ungarn, Rumänen und Türken irgendwie aufdröseln. Ich versuch das jetzt ganz kurz zu fassen, in 2 Sätzen: Es gab damals ne Gebietsbezeichnung – das Gebiet gibt es natürlich immer noch, aber es heißt jetzt anders und wurde aufgeteilt – das Banat. Banat oder Banatwitz ausgesprochen.

Philipp: OK, noch nie gehört in meinem Leben.

Daniel: Das ist ne alte Bezeichnung für dieses Gebiet, halt ne – da haben sich im Endeffekt ganz, ganz viele Leute gekloppt, ganz, ganz lange, es gab Kriege ohne Ende, und du warst am Ende des Tages damit beschäftigt, Sümpfe auszutrocknen, damit da irgendwelche Leute sich niederlassen können, oder ihr habt diese Städte bauen können – du hast Straßen und Schulen bauen lassen, du hast Seidenfabriken errichten lassen, und du hast 37.000 Familien umgesiedelt, eben durch diese ganzen…

Philipp: Du hast dir gedacht, ja OK, die Leute haben jetzt kein Haus mehr, die können nicht mehr da wohnen, also ab in den Sumpf mit denen.

Daniel: Also in den geterraformten Sumpf, natürlich, genau, ja.

Philipp: Eigentlich n tolles Thema für ne Déjà-vu-Geschichte, würde ich sagen, oder? Wirklich der terraforming Sumpf von Österreich-Ungarn – deswegen, Grüße an den Ralf, dieses Mal.

Daniel: Wir haben ihn ja schon erwähnt.

Philipp: Es stimmt.

Daniel: Ja, na ja, auf jeden Fall, mit dem Thema bist du gut beschäftigt.

Philipp: Ja, das kann ich mir vorstellen, ich muss ja die Sümpfe von – halb, wie heißt dieses Gebiet denn heute, weiß man das?

Daniel: Och, das ist irgendwo im Balkan, glaub ich, ja.

Philipp: OK.

Daniel: Ich müsste auf die Karte schauen, ich kann dir das jetzt aus dem Stegreif nicht genau sagen, ist aber, wie gesagt, nur n Nebenschauplatz.

Philipp: OK, interessiert uns heute gar nicht, weil auch für dich ist das n Nebenschauplatz, weil du machst nebenbei Theater. Du schreibst n Theaterstück, ja?

Daniel: Selbstverständlich tu ich das, was auch sonst? Und vor allem, du schreibst ein Theaterstück, das nennt sich “Das Zauberbuch”, wo du verschiedene Arten von Magie zeigst und mit Illusionen spielst.

Philipp: Moment, auf eine künstlerische Art, also nach dem Motto, es ist ein Bühnenstück, wo n Zauberer mitspielt, oder denke ich, ich bin David Copperfield?

Daniel: Nein, du bist nicht David Copperfield. Du lässt quasi Schauspieler im Endeffekt ein Stück vorstellen, wo eben ein Zauberer ist, und der macht irgendwelche Tricks und so weiter, und du hilfst dabei, diese Illusion so n bisschen zu erfinden, also so n kleiner Erfinder.

Philipp: Das ist ja noch einigermaßen sympathisch?

Daniel: Ja, absolut. Also es ist klar – du bist n kleiner, sag mal, du hast Spaß daran, Leute zu begeistern.

Philipp: Schlägt sich das noch mal nieder?

Daniel: Wahrscheinlich schon, ja, vor allem schlägt sich’s nieder, weil Maria Theresia, die Herzogin, die Kaiserin, sich dieses Spiel anguckt und denkt sich so: Ach, gefällt mir, mehr davon, wo kriege ich mehr davon? Und deswegen lädt sie 1769 – da sind wir nämlich mittlerweile – Francois Pelletier nach Schloss Schönbrunn ein, und der ist ein Illusionist, und der kann richtig krasse Tricks, also David Copperfield…

Philipp: Ich wollte es gerade sagen, der ist David Copperfield.

Daniel: OK, er ist Klein-Copperfield, und er macht wirklich Sachen – er hat ne Bühne, und da heben Dinge ab, da schweben Dinge, da kleben Dinge aneinander, die eigentlich nicht aneinander kleben sollten, Dinge bewegen sich wie von Geisterhand auf den Tisch und so weiter. Also es ist wirklich n krasses Schauspiel, was der da macht.

Philipp: Krasser Zaubermann hat es drauf.

Daniel: Mit anderen Worten, der Mann hat es drauf, und Maria Theresia ist hin und weg, und du bist auch bei der Vorstellung dabei und guckst dir das an und denkst dir so: Buff, wie zum Teufel hat dieser Franz war das gemacht?

Philipp: Ja, klar.

Daniel: Damals wurde ja noch nicht gesagt, das ist alles nur eine Illusion, was Sie hier sehen, sondern damals wurde gesagt: Hier ist das handfeste Magie.

Philipp: Ja, also es war schon klar, dass es n Illusionist ist, der krass irgendwas – also er macht was, Dinge bewegen sich, natürlich nicht echte Magie, aber es ist schon trotzdem – du kannst nicht sagen, keine Ahnung, da kam irgendwie ne Angelschnur runter oder so, man hat sie nicht gesehen, sondern man hat sich schon gedacht, oh krass, irgendwas hat er drauf, aber wir wissen nicht, wie er es macht.

Daniel: Und n paar Tage später kommt die Kaiserin zu dir und stellt dir genau diese Frage: Wie hat er das gemacht, dieser Tausendsassa?

Philipp: Du bist mit dem Zauberbuch hier rumstolziert – wie hat Franz war das gemacht?

Daniel: Ja, und du kannst dir das natürlich nicht beantworten im Moment, aber du stehst vor der Kaiserin – also was machst du?

Philipp: Ich find das raus, ich klär das auf, Kommissar Eriberius kümmert sich.

Daniel: Besser, du sagst: Ach, das ist total einfach, ich kann das so viel besser. Jetzt kommt der heldendumme Punkt der Selbstüberschätzung.

Philipp: Ich hab mich schon gefragt, wann kommt von intelligent völlig wahnsinnig.

Daniel: Und in dem Moment merkst du halt selber: Scheiße, jetzt hab ich mich hier aber richtig in die Nesseln gesetzt.

Philipp: Richtig? Ich kann gar nicht zaubern.

Daniel: Maria Theresia sagt: Gleich, alles klar, nächstes Jahr, ne, zeigst du mir dann ne schöne Show, oder?

Philipp: Na ja, gut, aber ein Jahr Zeit reicht?

Daniel: Ein Jahr Zeit reicht das.

Philipp: Stimmt, in einem Jahr, ich würde sagen, ein Jahr, wenn ich nichts anderes zu tun hätte, könnt ich ein ganz passabler Illusionist werden, ja.

Daniel: Dann merkst du aber, ja, es ist irgendwie nicht n ganzes Jahr Zeit, sondern n halbes Jahr, was du durch verschiedene Umstände irgendwie Zeit hattest. Aber wir machen quasi n Zeitsprung – n halbes Jahr später, 1770, du stehst auf der Bühne in Schloss Schönbrunn, genau da, wo Francois gestanden hat, aber du bist nicht alleine auf der Bühne.

Philipp: Ich geb Fuß war dabei.

Daniel: Das trans…

Philipp: …war dabei, viel besser.

Daniel: Neben dir steht eine Art Kommode, und davor, beziehungsweise dahinter eher, sitzt eine Person, und an dieser Stelle schick ich dir n Bild, wie das ausgesehen haben muss – wir haben ne Rekonstruktion davon – und du beschreibst, was du gerade siehst, und dabei möchte ich dich bitten, an das zu denken, was ich dir quasi eingangs gesagt habe, mit dem Vibe der Videospiele.

Philipp: OK. OK, OK, OK, Moment, also – in der Tat sehe ich eine Kommode, das ist ja – es ist eine Kommode, sie hat links oben eine Kurbel, sie hat 3 Türen unten, und links hat sie eine Kurbel, dann hat sie einen Tisch, also oben auf der Kommode ist quasi freigeräumt, da steht n Schachbrett drauf, und hinter der Kommode steht ein Herr mit einem modischen Schnauzbart und einem lustigen Hut und so n bisschen den Gewändern eines, ja, weiß ich auch nicht, eines fahrenden Händlers aus anno 1503, und der macht da irgendwie was mit den Schachfiguren, aber das ist eher kein Mensch, sondern es ist eine Puppe, würde ich sagen.

Daniel: Neben dir auf der Bühne steht der sogenannte Schachtürke.

Philipp: Der Schachtürke, natürlich, wer sonst, wenn nicht der Schachtürke – aber ehrlicherweise, die Verbindung zu den Videospielwelten mache ich gerade noch nicht so richtig, außer wenn es vielleicht darum geht, dass man in all diesen Sachen Rätsel lösen muss, aber dann hört es aber leider auch auf, also das…

Daniel: Ist sowohl in Bioshock als auch in Phantasmagoria, aber auch in Syberia ganz, ganz viele sogenannte Automatons oder Automaten.

Philipp: Das stimmt, da gibt es Automaten?

Daniel: Ja, du hast recht, und diese Automaten sind eben Maschinen, die wie Menschen aussehen und bestimmte Dinge tun, und vielleicht auch manchmal mit dir reden in den Videospielen.

Philipp: Das ist alles – ja, also du erinnerst dich an die in Bioshock, eben an die Spenderautomaten, in Phantasmagoria, da war ja so n Zauberer im Endeffekt, so n Wahrsager, den gab’s ja in Bioshock, glaub ich, auch in der Form – stimmt, stimmt, in Phantasmagoria hab ich den sogar schon vergessen, ehrlich gesagt.

Daniel: Aber du hast völlig recht, und Syberia lebt ja von Automaten.

Philipp: Ja, ja, klar.

Daniel: Und Myst ist generell so dieser Vibe von Maschinen, Zahnrädern – aber ganz komplett.

Philipp: Ja, ja, ja, alles klar, jetzt kann ich, jetzt folge ich dir besser.

Daniel: Nun, also, wie gesagt, das ist der Schachtürke, der…

Philipp: Der Name ist großartig, ich muss ganz ehrlich sagen, der Name ist großartig – sogenannter Schachtürke.

Daniel: Der sogenannte Schachtürke, also n Roboter, der Schach spielen kann.

Philipp: Und wie n Türke aussieht, wie der damalige Türke – warum denn, hat er das n Grund?

Daniel: Das sind die Gewänder – hat man gesagt, die Türken sind besonders gut im Schach, deswegen müssen wir den Schachautomaten aussehen lassen wie einen Türken, oder hat er einfach nur, weiß ich nicht, die Gewänder eines Türken zufällig rumliegen gehabt und gesagt: Na ja, gut, dann müssen sie jetzt halt n Schachtürke – kann ich ehrlich gesagt gar nicht beantworten, aber ich geh einfach davon aus, dass man sich gedacht hat, wenn du den Schachösterreicher da hinstellst oder den Schachdeutschen oder den Schachfranzosen, sieht das – es ist nicht exotisch genug.

Philipp: Nicht exotisch genug. Von Franzosen würdest du heutzutage, wenn du richtig stereotypisch gehst, n Barett und so n gestreiften…

Daniel: Pullover, genau, so n gestreifter Pullover, ja, aber n Türke war damals – OK, so sieht n Türke aus, Punkt, so, das war der Türke von daher, ja, alles klar? Der Schachtürke.

Philipp: Der Schachtürke. Und der Schachtürke?

Daniel: Der spielt Schach, so, ganz einfach. Diese Maschine kann die Züge des Gegners erkennen, das heißt, wenn sich auf dem Spielfeld Figuren bewegen, erkennt die Maschine, welche Figuren wohin bewegt worden sind, und somit kann diese Maschine auch darauf reagieren, weil diese Maschine kann nämlich auch Figuren selbst bewegen – der hat bewegliche Hände, das sieht man auf dem Foto, der kann greifen, und er kann Figuren bewegen, und auch sowas wie zum Beispiel die L-Bewegung des Springers ist gar kein Problem für diesen Roboter – er greift nämlich nach einer Figur, hebt sie hoch, bewegt sie in einem L und stellt sie wieder ab.

Philipp: Und du bist jetzt quasi in der Rolle des Illusionisten, also hast du ne Maschine gebaut, die sich scheinbar wie n echter Mensch bewegt, also im Rahmen eines Roboters halt, natürlich, klar.

Daniel: Aber trotzdem – und diese Maschine kann Schach spielen, das ist schon eindrucksvoll. Das Ding ist, es ist nicht nur ne Maschine, die du vorstellst und sagst, so, ha ha, guck mal, hier ist der Schachtürke, sondern du sagst: Wer von euch im Publikum möchte den Schachtürken herausfordern?

Philipp: Ja, ist nicht blöd.

Daniel: Und wenn er funktioniert, ist es nicht blöd, wenn er nicht funktioniert, ist es scheißeblöd. Einer der Leute am Hof, der das Ganze quasi beobachtet, sagt: Ich möchte jetzt gegen ihn spielen, das ist doch alles Fake, der kann doch nichts. Und er spielt gegen den Schachtürken, und er verliert.

Philipp: Oh, er verliert sogar.

Daniel: Und sofort heißt es, diese Maschine ist Fake, oder wie auch immer man das damals nennen würde.

Philipp: In der Kommode sitzt doch bestimmt ein Spieler?

Daniel: Das wäre zwar schlau, aber ich glaube, das ist ein bisschen schwierig.

Philipp: Oder es ist extrem schwierig?

Daniel: Vor allem, weil du dich vor diese Kommode stellst, und du öffnest die linke Tür und öffnest auf der anderen Seite die gleiche Tür, und du lässt quasi einmal durchgucken – da sind nur Zahnräder und irgendwelche Leitungen, Metallsachen, keine Ahnung – und du öffnest diese Türen nacheinander, und die Leute können durch diese Maschine durchgucken und sehen, da ist keiner.

Philipp: Die können komplett durchgucken?

Daniel: Ja, ja, die können durchgucken, und die Zuschauer sind in dem Moment plötzlich begeistert. Also es ist unfassbar, die Leute rasten aus, die sagen: Ey, wie, der hat n Roboter gebaut, der kann Schach spielen?

Philipp: Ja, klar, der – ich hab n Roboter gebaut, hallo.

Daniel: Und die Sache ist auch noch: Das Publikum stellt Fragen. Die Leute sagen so: Ey, was ist das, was kann dieser Roboter, was kann er sonst, wie wurde er gebaut? Und dann sagst du: Ja, Moment, wartet, er kann euch die Fragen selber beantworten. Jetzt wird’s aber wild: Dieser Roboter hat eine Texttafel mit bestimmten Ausdrücken, und du greifst unter die Kommode, drückst da irgendwo n bisschen rum, machst irgendwas – man sieht nicht genau, was du machst -, aber wenn die Leute Fragen gestellt haben, bewegt sich plötzlich der Türke, bewegt seinen Arm und zeigt auf diese Tafel und beantwortet ganz grob, soweit es möglich ist, mit wenigen Worten, ja, nein, und schlag-mich-tot, die Fragen der Zuschauer.

Philipp: Gut, ich meine, das kann man natürlich steuern, wenn man da in der Situation dran ist, an dem Gerät.

Daniel: Richtig, das geht natürlich, das geht. Und es gibt quasi Standing Ovations, die Leute rasten komplett aus, es ist das Krasseste, was sie je gesehen haben – ein Roboter, der sieht wie n Mensch aus, bewegt sich wie n Mensch, kann quasi mit dir in Anführungsstrichen reden und kann Schach spielen.

Philipp: Und du musst halt ab und zu n bisschen kurbeln, ne, also vielleicht ist es so ne – weißt du, kennst du diese Autos, die man so aufziehen kann, ja, so, wo du zurückziehst, und dann fährt das nach vorne.

Daniel: Ja, ja, und wie gesagt, alle sind begeistert, und die Kaiserin sagt: Pass auf, du sollst ab heute regelmäßig Vorführungen von diesen Türken machen, und den Türken vorführ.

Philipp: Führ doch mal den Türken vor – schönes, schönes Gespräch für Neulinge, die an den Hof kommen: “So, du kennst den Türken noch nicht, hol mal den Türken aus dem Schrank, das zeigen wir dir jetzt mal.”

Daniel: Und die Kaiserin möchte aber auch, dass die ganze Welt diesen Schachtürken kennenlernt, das sagt sie so im Nebensatz, und du würdest auch gern – du würdest das auch gern machen, aber leider, leider, du bist ja gerade in dem Moment in Schönbrunn, du sagst, du musst zurück nach Pressburg, weil da ist n anderes Projekt, da warten Leute auf dich, ohne dich geht’s nicht weiter, nämlich an der Donau.

Philipp: Braucht man ein Fachwissen, weil da ist ne Bootsbrücke im Bau?

Daniel: Natürlich, natürlich, natürlich.

Philipp: Ich hab nur drauf gewartet – ach, wie schön, endlich darf ich mal wieder ne Bootsbrücke fertigstellen, das ist ja hervorragend.

Daniel: Also geht’s erstmal nach Pressburg, und du baust diese Bootsbrücke fertig.

Philipp: Eine Bootsbrücke, ach wie schön, das ist aber nostalgisch. Wir hatten schon lange keine Boote mehr, ja, aber Bootsbrücken nicht.

Daniel: Jetzt frag ich mich, ist das wieder so ne – weil du warst ja letztes Mal so auf diesem Trip von Leuten, die dann irgendwie durch halb Europa gereist sind, weil sie kurzfristig weg mussten aus Gründen – aber das ist jetzt nicht so ne Hochstaplerei-Geschichte, oder?

Philipp: Also muss ich wirklich weg, um diese Brücke zu bauen, oder nutze ich das nur?

Daniel: Wirklich weg, nein, also die Brücke muss gebaut werden, du wirst gebraucht.

Philipp: Gut, und du, du kehrst auch zurück, denn ah, guck mal, da hab ich schon in vielen Helden und Charakteren was voraus.

Daniel: Maria Theresia lässt dir ne Nachricht zukommen: Ein schottischer Diplomat kommt demnächst nach Schönbrunn, und du sollst ihm unbedingt den Türken zeigen. Also gehst du zurück nach Wien, und du lässt den Türken gegen diesen Diplomaten spielen. Der Türke gewinnt, und du bleibst direkt da, weil die Wasserpumpen der Fontänen im Schlossgarten irgendwie noch in der Entwicklung sind.

Philipp: Du sollst da mal aushelfen, da brauchst du n Konzipisten?

Daniel: Ja, natürlich.

Philipp: Also wie gesagt, Mädchen für alles, im Endeffekt, ne, Konzipist, Konzipist, der Konzipist.

Daniel: Und kaum bist du damit fertig, gibt es die nächsten Sachen, wo es heißt: Ey, hier, Wolfgang, hör mal, das ist kaputt, da brauchen wir ne Erfindung, kannst du mal hier helfen? Und du kümmerst dich um all diese Projekte, und die Kaiserin sagt immer wieder: Bitte, bitte, bitte, hol den Türken raus, weil es kommen Gäste aus aller Welt, die bespaßt werden wollen, und du sollst den Türken rausholen, wir brauchen den Türken dringend.

Philipp: Dringend.

Daniel: Und sie sagt: Pass auf, ich erhöhe jetzt deinen Lohn, damit du motiviert bist.

Philipp: Also sehr gut, holst du den Türken raus, das klingt so unfassbar komisch – du musst regelmäßig den Türken rausholen, aber in dem Fall absolut treffend.

Daniel: Musst den Türken rausholen, um Gäste zu bespaßen, vor allem.

Philipp: Ja, es klingt mehr als schwierig, ist aber alles OK.

Daniel: Vor allem, du holst den Türken noch einige Male raus, aber mit der Zeit nervt es dich, dass du nur auf ihn reduziert wirst.

Philipp: Oh ja, man will ja nicht.

Daniel: Ja, klar, und irgendwann mal weigerst du dich, weitere Vorstellungen mit dem Türken zu machen, du baust den Türken schlussendlich auseinander, weil du sagst: Ich hab keinen Bock mehr auf die Scheiße, du hast so viele Projekte.

Philipp: Ja, ich hab so viel zu tun, der Türke ist unter meiner Würde, also der Schachtürke jetzt.

Daniel: Nee, der Türke, das war halt n kurzer Spaß. Du hast den Türken kurz rausgeholt, hast den Leuten gezeigt, alle waren begeistert, und hast ihn wieder eingepackt, aber du kümmerst dich ja auch am Hof um viele Dinge – also nicht nur in Pressburg, du kümmerst dich auch, wie gesagt, in Wien um ganz viele Dinge. Zum Beispiel, 1774 sind wir mittlerweile, da ist Maria Theresia krank geworden, sie hat Pocken, und du baust ihr ein Bett, wo sie bequem drin sitzen kann und schreiben und regieren kann, also quasi so n Krankenbett.

Philipp: Mitte heutzutage n normales Krankenbett, wieso n…

Daniel: Pflegebett.

Philipp: So n Pflegebett.

Daniel: Genau. Dann 1776 ziehst du ne ganze Universität um, 1777 baust du ne Dampfmaschine für irgendein Projekt, 1778 baust du ne andere Maschine, mit der eine blinde Sängerin lesen und schreiben lernen kann.

Philipp: Also du bist echt, du bist n krasser Erfinder.

Daniel: Dann, setzt du dich einmal hin, heißt es, immer noch 1778, die Türken haben einen österreichischen Trupp in Karánsebes aufgerieben.

Philipp: Ich hab ja extra danach gefragt – die scheiß Türken haben uns alle umgebracht.

Daniel: Es waren zwar Österreicher, aber das ist ja egal.

Philipp: Ist egal, das ist egal.

Daniel: Geht’s 1780 an ne zweite Dampfmaschine, und nebenbei schreibst du noch n Theaterstück, welches auch irgendwo in Wien aufgeführt wird. Ey, du bist so richtig im Saft, du wirst gut bezahlt, und du bist im Endeffekt n passionierter Ingenieur und Erfinder.

Philipp: Also du gehst dem nach, du hast wirklich n gutes Leben.

Daniel: Ne, der Türke war quasi so n kleiner Stern an deinem Himmel, wo du gesagt hast, guck mal, hier, ich hab was Geiles gebaut, aber guck mal, was ich sonst noch alles gebaut hab – aber die Leute haben immer nur auf den Türken gezeigt, immer nur auf den Türken.

Philipp: Der Türke, der Türke, wirklich, kann doch wohl nicht wahr sein.

Daniel: Und dann passiert was Schreckliches: 29. November 1780 stirbt Maria Theresia, sie hat ne Lungenentzündung, und sie, na ja, wie viele zu dieser Zeit schafft sie es nicht. Ihr Sohn, Josef der Zweite, der war gleichzeitig schon immer Mitregent, der hat immer mitregiert, der wird zum Alleinherrscher und zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches.

Philipp: Na gut, wenn der schon immer mitregiert hat, dann kann sich ja so viel wahrscheinlich nicht ändern, oder?

Daniel: Na ja, der sah das so, jetzt ganz grob gesagt: Das, was seine Mutter da alles gemacht hat, war schon OK, aber der hatte auch eigene Ideen, und die hat er halt nicht umsetzen können, weil Mama hat drauf geguckt.

Philipp: Verstehe. Waren die besser oder schlechter, die Ideen?

Daniel: Also sag mal so, das erste, von dem du irgendwie was mitbekommst, weil es dich einfach betrifft, ist die Streichung aller deiner Gehaltserhöhungen, die seine Mutter dir gegeben hat, damit du den Türken quasi vorstellst. Türken-Promoting ist ausgesetzt, zumindest fürs Geld.

Philipp: Türken.

Daniel: Aber im selben Atemzug sagt er zu dir: Pass auf, Paul der Erste, n russischer Großfürst, der später Kaiser wird, also russischer Kaiser, der kommt für einen Staatsbesuch, und du baust die Kiste da hinten im Lager wieder zusammen, und du zeigst dem Paul deinen Türken.

Philipp: Ja, aber ich krieg doch nichts mehr dafür?

Daniel: Das ist aber jetzt – das ist aber ne Gemeinheit?

Philipp: Du bist Teil vom Hof, du hast zu arbeiten, du hast zu parieren.

Daniel: Ja, OK, aber trotzdem, nett ist das auch nicht.

Philipp: Nee, absolut nicht. Aber jemand kann das wertschätzen, und zwar Paul, der findet den Türken großartig, und er sagt das, was Maria Theresia schon mal gesagt hat: Die ganze Welt sollte von dem Schachtürken erfahren, und er sagt: Geh doch einfach, guck mal quer durch Europa auf Tournee, dann kannst du den Leuten den Türken zeigen.

Daniel: Und Josef, der neue Kaiser, sagt so: Ha, damit können wir Geld machen, gute Idee, die große Europatournee, quasi die Europatournee. Also darfst du deine Taschen packen, denn es geht ab nach Paris.

Philipp: Also ich mache jetzt quasi mit meinem Schachtürken ne Europatournee, obwohl ich jetzt weniger Geld dafür kriege und eigentlich keinen Bock mehr auf den habe und keine Zeit eigentlich, weil ich zigtausend andere Projekte habe?

Daniel: Ich muss ja Bootsbrücken bauen und Lust finden und Sümpfe austrocknen.

Philipp: Ja, sicher, da hätte ich auch keinen Bock mehr auf den Schachtürken, ganz ehrlich – aber das klingt schon n bisschen spannender, ja.

Daniel: Tatsächlich, aber sein Wort ist dein Befehl, also findest du dich in Versailles wieder. Dort steht ein Herzog, und der sagt: Ich möchte gegen diesen Türken spielen.

Philipp: OK, dafür bist du da, dafür bist du da.

Daniel: Du lässt das zu – aber du machst das nicht ohne eine Show daraus zu machen, weil du bist auch n bisschen Showman, weil du hast ja Theaterstücke geschrieben, du bist schon n bisschen…

Philipp: So n bisschen muss dabei sein?

Daniel: Ja, doch, wenn du schon da unterwegs bist, du magst diese Aufmerksamkeit schon n bisschen.

Philipp: Wie machen wir jetzt ne gute Show aus einem Schachspiel?

Daniel: Also erstmal spazierst du um die Maschine herum, du öffnest wieder alle Türen, die Leute gucken in die Kommode, du machst die wieder zu, und dann erklärst du die Regeln: Der Automat nutzt die weißen Figuren, der Automat hat immer den ersten Zug, und es gibt ne Funktion – wenn der Herausforderer schummeln sollte, dann erkennt der Türke diesen Spielzug, macht ihn rückgängig und spielt seinen eigenen wieder hinterher, sodass der Schummelzug quasi verloren geht und der Türke quasi 2 Züge bekommt. Und der Türke kann durch Kopfbewegungen und durch Armbewegungen signalisieren, wenn er den Gegner im Schach hat oder im Schachmatt.

Philipp: Konnte er das alles schon immer, oder kann er das erst jetzt auf der Tour?

Daniel: Also einige Funktionen waren schon da, du hast da immer nur n bisschen dran rumgebaut, du hast gesagt, komm, ich bau da n bisschen, hier zieh ich da mal n Hebel, oder da n Zahnrad, du hast schon quasi Version 1.7 oder so mittlerweile. Der Herzog akzeptiert die Bedingungen, und das Spiel geht los, und es ist n gutes Spiel, aber der Herzog gewinnt.

Philipp: Unser guter Spieler verliert? Der Schacher verliert richtig, schade um das verlorene Spiel.

Daniel: Aber der Automat macht das, was er machen soll, und das ist n riesiger Erfolg, weil die Leute in Versailles, die Leute in Frankreich, die alle dahin kommen, finden es geil, finden es mega.

Philipp: Ja, sicher.

Daniel: Und danach geht es ins Pariser Café de la Régence, wird es glaub ich ausgesprochen. Dort versammelt sich die Elite aller Schachspieler Frankreichs oder vielleicht der Welt, und die versuchen den Schachtürken zu schlagen, als du da aufkreuzt – auf jeden Fall, weil die da schon generell immer Schach spielen, also du kommst in deren Hood.

Philipp: Verstehe, Auswärtsspiel.

Daniel: Auswärtsspiel, also quasi – du machst die erste Show da in dem Bums, und sofort kommt n Anwalt, der gleichzeitig auf dem umkämpften zweiten Platz des Landes ist, also Frankreichs.

Philipp: In Schach, also zweit- oder drittbester Spieler Frankreichs?

Daniel: Frankreichs, und du ziehst deine Show ab, du machst die Türen auf, du läufst da rum und erklärst die Regeln, und dann wird gespielt, und der Türke verliert schon wieder.

Philipp: Aber diesmal war es n verdammt knappes Spiel.

Daniel: Also alle happy, der Türke macht, was er soll, die Maschine funktioniert, die Leute sind begeistert, man kann gegen die Maschine gewinnen, die Maschine ist nicht so krass, aber sie ist trotzdem gut. Ja, und dann geht’s an die Pariser Akademie der Wissenschaften. Die Leute wollen das Ding aus der nächsten Nähe sehen, sie wollen herausfinden, wie das funktioniert, aber du verrätst dein Geheimnis natürlich nicht, du sagst: Hey, bis hierhin und nicht weiter, ihr sollt nicht zu nah kommen – klar, wenn ihr die Türen aufmacht, könnt ihr kurz reingucken, ihr sollt schon sehen, dass das ne Maschinerie ist, aber wie sie funktioniert, sollt ihr noch nicht herausfinden.

Philipp: Am Ende ist es ja meine Aufgabe auch immer noch, Illusionist zu sein und nicht Wissenschaftler.

Daniel: Und du stellst den Türken aus, und du stellst aber noch eine weitere Erfindung aus, die du so nebenbei mal gemacht hast, und zwar den Sprechautomaten, und der Sprechautomat ist im Endeffekt ein Vorreiter im Bereich mechanischer Sprache, also von der Sprachsynthese im Endeffekt, ein Lautsprecher, der Sprache wiedergeben konnte.

Philipp: Das ist aber auch sehr früh, oder, weil das Grammophon und alles, was da so kommt, da sind wir doch erst deutlich später, oder nicht?

Daniel: Beim Grammophon hast du ja im Endeffekt, um das zu vergleichen, n Medium gehabt, im Endeffekt, was du abgespielt hast, mit diesen, ja, das war ja so schneckenartige Bleche, ja, und so Lochkartensysteme gab es genau irgendwie sowas.

Philipp: Also, ne, es ist ganz, ganz halbgares Halbwissen.

Daniel: Aber bei dem Sprechautomaten hier ist es eher so ne Art, wie die Stimmbänder nachgebaut worden sind. Also du hast Luft, läuft durch verschiedene Rillen, und dadurch wird Sprache, sowas Spracheähnliches – muss man auch schon zugeben – nachgestellt, weil es klingt eher wie n Kind, das grammatikalisch nicht richtig spricht. Also es ist so n bisschen kindliche Sprache, dadurch konntest du viel kaschieren, weil du konntest ja natürlich keine richtigen Sätze damit aussprechen, aber es klingt – weißt du, wie n Kind brabbelt und vielleicht erste Worte ausspricht – in diese Richtung.

Philipp: Aber wir sind ja Ende 18. Jahrhundert, ist glaub ich auch so die Zeit, wo dann langsam, aber sicher auch Tontechnik beginnt, überhaupt, ne, ich glaube ja, ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher.

Daniel: Müsste so die Zeit sein, glaub ich.

Philipp: Hat die Leute aber in dem Moment nicht interessiert, weil der Türke – der Türke kann Schach spielen?

Daniel: Der Türke kann Schach spielen. Und dann dauert es nicht lange, in der Akademie wird der Türke wieder herausgefordert, immer wieder, aber da steht plötzlich Francois-André Danican Philidor. Francois-André ist der beste Schachspieler der Welt.

Philipp: Ja, er ist also noch mal besser als die Franzosen, die ihn schon geschlagen haben?

Daniel: Richtig. Und das Spiel geht los – ich konnte jetzt keine Details zu dem Spielablauf finden, aber der Türke verliert schon wieder. Und Francois-André nennt das Spiel sein anstrengendstes Spiel aller Zeiten.

Philipp: Heutzutage würde man sweaty sagen sozusagen.

Daniel: Ja, es ist n extrem gutes Spiel gewesen, also der Türke, wie auch immer er funktioniert, die Logik, die er ans Spiel anwendet, scheint extrem gut zu sein, und es spricht sich natürlich rum, wenn der beste Spieler der Welt sagt: Ich hab n echt schweres Spiel gegen ne Maschine gespielt – dann wollen andere das Ding sehen.

Philipp: Ja, sicher.

Daniel: Und natürlich bleibst du noch n fast ganzes Jahr in Frankreich und veranstaltest Shows, du machst auch n bisschen Cash damit, natürlich.

Philipp: Na gut, aber wenn ich schon sowas baue, dann will ich auch davon leben können, richtig?

Daniel: Und da steht plötzlich noch ein weiterer Herausforderer vor deiner Tür. Du wolltest eigentlich schon einpacken, du wolltest eigentlich schon weitergehen, weil du hattest nämlich noch einige Stationen, weil du wolltest ja ne Europatour machen, klar, nicht nur Frankreich, aber es hieß: Ey, nee, bleib nur n bisschen hier, bitte, bitte, bitte, Wolfgang, der amerikanische Botschafter ist hier.

Philipp: Benjamin Franklin, Benjamin Franklin?

Daniel: Grüße – er spielt, es ist auch da nicht genau, zumindest, ich bin mir sicher, irgendwo stehen die Spiele von diesen Leuten notiert. Ich konnte jetzt auf Anhieb keinen Spielablauf finden für die Schachcracks hier unter unseren Zuhörern, aber Benjamin Franklin sagt: Hey, geiles Spiel, geiles Ding.

Philipp: Also Benjamin Franklin, hat er denn gewonnen oder verloren, weiß man das?

Daniel: Weiß ich nicht, er fand es nur gut, konnte ich nicht herausfinden, er war begeistert: “This is the chess turkey”, den Mechanical Turk haben sie ihn genannt.

Philipp: Mechanical Turk? Das ist ja völliger Wahnsinn, weil das nimmt auch komplett – der mechanische Türke, weißt du, das Einzige, was dieses Ding charakterisiert, ist ja eigentlich, dass es Schach spielen kann.

Daniel: Ja, und man hat einfach aufgrund des Aussehens gesagt: Ja, gut, ist der Schachtürke, aber bei der Übersetzung hat man sich nicht dafür entschieden, den Schachteil zu übersetzen, sondern nur den Türkenteil.

Philipp: Natürlich, na ja, aber spätestens – also ich weiß nicht, ob er den Namen schon von Franklin bekommen hat, oder 1784, als du im Westend in London angekommen bist.

Daniel: Ja, ob er den Namen da gekriegt hat, denn, wie gesagt, du stellst ihn dort aus, es werden Bühnen für dich hingestellt, und du verdienst an jeder Show 5 Schilling, und das ist n gutes Geld für diese Zeit, und die Leute sind begeistert, die Leute feiern dich, die Leute feiern den Türken, sie gucken sich das Ding an, und es wird gespielt, und es ist alles mega geil. Und irgendwann bei den Shows merkst du, dass die Leute da in London irgendwelche Zettel in den Händen haben, so beim Verteilen, und nach der Show siehst du, da nimmst du n Zettel, der irgendwie auf dem Boden gelegen hat, vom Boden auf, und du liest, und da steht der Titel – jetzt mal zu Deutsch übersetzt – “Die sprechende Figur und der Schachautomat enthüllt und entlarvt”.

Philipp: Ei, jetzt wird’s spannend.

Daniel: Da hat sich nämlich ein Philip Thicknesse zu Wort gemeldet, und er ist Reiseschriftsteller, und bei Wikipedia stand – das fand ich sehr geil – Exzentriker.

Philipp: Gut, dass du das sagen kannst. Und wenn du das liest, das ist wirklich – das ist ne Heldendumm-Garantie, ne, wenn bei Wikipedia jemand schon in der Überschrift Exzentriker stehen hat, dann weißt du, der ist Material für ne Folge.

Daniel: Absolut, ich hab ihn schon bei mir in die Liste geschoben.

Philipp: Ich hab nicht weitergelesen, ich hab mich noch nicht spoilern lassen, den wird’s auf jeden Fall geben.

Daniel: Ich weiß nicht wann, vielleicht mach ich’s in dieser Staffel noch, vielleicht danach, mal gucken. Jedenfalls, erstmal zurück zum Türken: Der Philipp meint, er hätte dein Stimmgerät, also deine Sprechmaschine, die du auch noch in London ausgestellt hast, entlarvt, und auch den Türken. Beim Stimmgerät ist es ganz einfach: Du hast n verstecktes Rohr, und du sprichst in dieses Rohr, und das verstellt dann die Stimme, also ist das im Endeffekt nur so n Stimmenverzerrer.

Philipp: Verzerrer.

Daniel: Das ist das Ego.

Philipp: Dankeschön, ja, n Stimmverzerrer also, quasi Conan Edogawa.

Daniel: Genau, es ist die Fliege von Conan Edogawa.

Philipp: Oh, so viele popkulturelle Referenzen sind schon wieder – ich fass es fast nicht.

Daniel: Diverse. Aber wir lösen noch keine Kriminalfälle damit, noch nicht. Und der Türke – das ist ganz einfach – der Philipp hat beobachtet, manchmal während der Shows greifst du unter diese Kommode, und du sagst zwar, du hast da Knöpfe und Stellrädchen und irgendwelche Feinjustierungen, die du da vornimmst, aber er ist nicht sicher – du gibst Handzeichen an deinen Schachmeister, und dieser Schachmeister ist so klein, dass man ihn nicht sehen kann, wenn du diese Türen aufmachst.

Philipp: Das muss n Kleinwüchsiger oder n Kind sein, ja sicher.

Daniel: Der reist Tag und Nacht in dieser Kommode.

Philipp: Und er spielt gegen den besten Spieler der Welt und gewinnt fast?

Daniel: Absolut.

Philipp: Kind, also, ganz ehrlich, man überlegt sich ja, wie könnte das funktionieren, und diese Variante ist ja dann auch doch schnell Quatsch, weil du ja niemanden findest, der wahrscheinlich so gut Schach spielen kann – einfach, das ist ja relativ unwahrscheinlich.

Daniel: Aber wie gesagt, vor allem, er sagt selber, er kann sich nicht erklären, warum die Kommode zu Beginn der Show immer leer ist, aber es kann einfach nicht sein, dass da niemand drin sitzt.

Philipp: OK, also er hat sich überhaupt nichts ausgedacht, er hat einfach nur behauptet?

Daniel: Geht doch nicht, er hat einfach behauptet, ja, OK, er hat mal was rausgehauen.

Philipp: Und genau wie du schon sagtest, es hat einfach niemanden interessiert, weil es einfach Behauptungen sind.

Daniel: Gut, ja, kann man mal machen, kennen wir aus der heutigen Zeit durchaus.

Philipp: Ja, Grüße gehen nicht raus, ja, OK, gut, weiter geht’s.

Daniel: Du machst n Haufen Geld, dann geht es 1785 nach Leipzig.

Philipp: Ah, da trifft er vielleicht Fürst Pückler?

Daniel: Ah, nee, der müsste schon länger – der müsste glaub ich älter sein.

Philipp: Der Nachlass von Fürst Pückler ist nicht weit, das Eis wird quasi verteilt.

Daniel: Das Eis wird bereits sehr…

Philipp: Vielleicht hat er, wenn der n Pückler-Eis gegessen hat, wenn der ne Pücklerschnitte hatte, dann ist das wirklich Heldendumm in Reinkultur – wir haben es genannt nicht Heldendumm-Effekt, sondern der andere, der Klebstoff, der Klebstoff, der das ist – Klebstoff, da hat die Geschichte immer wieder Klebstoff geschnüffelt.

Daniel: Ja, also ich sag, die Geschichte hat extrem viel Klebstoff geschnüffelt, also da können wir uns, glaub ich, sicher sein. Aber gut, du bist in Leipzig, du ziehst wieder die Show durch, Türen auf, Türen zu, erklärst die Regeln, die Leute können spielen, aber was du diesmal mehr nutzt, ist diese Möglichkeit, über die Tafeln zu kommunizieren, weil die Deutschen finden diese Kommunikation mit der Maschine irgendwie interessanter als das Spiel selbst. Und gut, deine Hand verschwindet da irgendwo unter der Kommode, du machst irgendwas, und der Türke fängt an, auf die Tafel zu zeigen.

Philipp: Der kann beantworten, wie alt er ist.

Daniel: Der kann beantworten, was sein Familienstand ist, komischerweise, und er wird auch gefragt, wie er funktioniert.

Philipp: Aber das Letztere hat er halt nicht rausgerückt, OK. Also dieses Zeigen auf die Tafeln kann man ja relativ logisch erklären, ja, Koordinaten?

Daniel: Es gibt im Endeffekt irgendwie 9 Handstellungen oder sowas, und dann wählt man einfach die eine an.

Philipp: Würd ich genauso wahrscheinlich selber miterfinden, wenn du mir sagen würdest, ich hab das mit Koordinaten gemacht – weißt du, wo ich sage, pass auf, ja ist 11, nein ist 12, oder so, a1, wie n Schachbrett, guck mal, ja, ja, ja.

Daniel: Genau, genau so machst du es, aber du musst halt den entsprechenden Knopf drücken, das ist halt das Relevante.

Philipp: Richtig, das kannst du da aber problemlos, du kannst aber nicht problemlos Schachmeister sein?

Daniel: Das ist richtig, und es gibt auch gar nicht genug Knöpfe für jeden möglichen Schachspielzug.

Philipp: Auch das stimmt. Ja, aber gut, wir waren jetzt – wo waren wir, in Leipzig?

Daniel: Es geht jetzt nach Dresden.

Philipp: Ja, gut, ist ja nicht so weit, ist nicht weit.

Daniel: In Dresden steht ein hochrangiger Freimaurer vor dem Türken und beobachtet ihn.

Philipp: Schade, keine Mauer in der Nähe, brauchte keinen Freimaurer. Er wäre 200 Jahre später wär das, wär am richtigen Ort gewesen.

Daniel: Er beobachtet den Schachtürken, er analysiert den Schachtürken, und er schreibt einen Artikel, in dem er beschreibt, wie er denkt, was die Funktionsweise des Türken ist. Dazu sei gesagt, er ist schon in den Maßen gescheitert, also er hat kein gutes Augenmaß gehabt, er hat schon die Größe gar nicht richtig…

Philipp: Ja, ja, und da hat er aber auch irgendwas behauptet?

Daniel: Da muss n Mensch drin sitzen, so, und kaum bist du in Dresden fertig, ist deine Europatournee auch zu Ende, denn es geht für dich zurück nach Wien, weil da packst du den Türken wieder in den Keller, und es stehen fette Beförderungen an, die auf dich warten, weil du bist doch geil.

Philipp: Du hast auf jeden Fall, ja, du hast genug Werbung gemacht.

Daniel: Ja, definitiv.

Philipp: Ich bin ein Star in Europa.

Daniel: Du bist n Star in Europa, und du wirst selbst Hofrat 1786 an der Vereinigten Siebenbürgisch-Ungarischen Hofkanzlei.

Philipp: OK.

Daniel: Dann ein Jahr später wirst du zum kaiserlich-königlichen Hofkameral…

Philipp: Kamerad.

Daniel: Kameralrat. 2 Jahre später wirst du Ehrenmitglied in der Wiener Akademie der Künste, weil du ja nebenbei auch nur deine Shows…

Philipp: Ja, ich bin ja, ja, richtig, richtig.

Daniel: Und na ja, du machst ja immer und immer mehr Projekte, die halt nichts mehr mit dem Türken zu tun haben, und du ziehst dich so n bisschen zurück aus der Öffentlichkeit, und du schreibst aber an einem Buch, und in diesem Buch erklärst du die Funktionsweise des Sprachautomaten.

Philipp: Des Sprachautomaten.

Daniel: Des Sprachautomaten, und da erklärst du das mit der Kinderstimme kaschieren, und die Technologie ist noch sehr unausgereift, aber das kommt noch, das wird alles in der Zukunft besser, ne – jetzt könnt ihr unsere Stimmen hören, weil du damals angefangen hast, damit rumzuspielen, vielleicht, also unter anderem.

Philipp: Irgendwann muss mal einer anfangen zu experimentieren, ne, richtig.

Daniel: Und dann vergehen Jahre, also wirklich einige Jahre, wir haben 1798 mittlerweile.

Philipp: Ich bin jetzt was?

Daniel: Du bist 66.

Philipp: Mhm, ja, gut, da fängt bekanntlich das Leben an, richtig?

Daniel: Du bist knapp 43 Jahre im Dienst gewesen, du gehst in Rente.

Philipp: Ja, reicht auch irgendwann.

Daniel: Ich hab das – Problem ist, du hast nur 6 gute Jahre, bis du 1804 stirbst, du bist krank, und du stirbst mit 70.

Philipp: Na ja, gut, das soll vorkommen, aber ich hab viel geleistet, also das kann man nicht von der Hand weisen, ich glaub, ich hab schon ordentlich was hinter mich gebracht, und das Geheimnis des Schachtürken hab ich mit ins Grab genommen.

Daniel: Du hast es quasi mit ins Grab genommen, aber dazu kommen wir gleich, weil wir machen jetzt einen Seelentausch.

Philipp: Oh, wir machen einen Seelentausch?

Daniel: Du bist nicht mehr Wolfgang Franziskus de Paula Johannes Elemosinarius Franz von Kempelen, du bist jetzt Johann Nepomuk Mälzel.

Philipp: Ach, das ist aber auch n toller Name, Nepomuk ist schon, ist schon auch geil. Ich bin in der Recherche auf 3 Nepomuks gestoßen.

Daniel: Das war der Kevin der damaligen Zeit, glaube ich, sehr populärer Nepomuk.

Philipp: Sehr populärer Nepomuk.

Daniel: Aber du bist eher Johann als Nepomuk.

Philipp: OK.

Daniel: Du wirst 1772 in Regensburg geboren, und du bist im weitesten Sinne Musiker und Erfinder.

Philipp: Musiker und Erfinder – da bin ich ja, also da komm ich ja meinem Vorbild von gerade relativ nah, weil der ist ja auch Künstler und Erfinder, ne, ähnlich, aber anders.

Daniel: Ähnlich, aber anders. Wir überspringen jetzt mal deine Jugend, weil die jetzt nicht relevant ist für die Story. Mit 20 Jahren, also 1792, bist du gerade in Wien unterwegs, und du erfindest einen Musikautomaten, der eine Orgel spielen kann, also quasi ne Maschine, die die Tasten der Orgel – die drückt sie nicht, die zieht sie, glaub ich, aber im Endeffekt kannst du so ne Orgel, die von selber spielt.

Philipp: Wie in so Geisterhäusern, genau, oder wie bei Karl, auf dem Boot damals?

Daniel: Richtig.

Philipp: Richtig, oh, das ist aber lange her, aber du hast recht.

Daniel: Ja, hab ich schon gar nicht mehr auf dem Schirm. 1804 baust du einen Automaten, der jetzt auf einmal ne ganze Militärkapelle spielen kann.

Philipp: Wie ne ganze Militärkapelle, also mit Blasmusik und allem drum und dran?

Daniel: Alle – also ich bin jetzt kein Musiker, und ich kenn mich nicht mit Militärkapellen aus, aber all diese Instrumente, die dort irgendwie benötigt werden, die werden alle von einer Maschine gespielt, nicht übel, und dadurch wirst du zum Hofkammermaschinisten ernannt – die denken sich immer Sachen aus, da in Österreich. Und dann, ein Jahr später, 1805, stolperst du über den Sohn von Wolfgang, unserem ersten Charakter.

Philipp: Ah ja, einer von den 5 Kindern.

Daniel: Einer von den 5 Kindern, der versucht gerade den Nachlass seines Vaters zu verkaufen, weil er damit nichts anfangen kann, und darunter sind der Sprachautomat und der Schachtürke.

Philipp: Ah, und hat sich der Schachtürke dann, also quasi in der Zeit, wo er weg war, gar nicht mehr so großer Beliebtheit erfreut? Weil ich könnte mir vorstellen, dass irgendjemand versucht, das Ding zu kaufen oder so.

Daniel: Das Ding war im Keller, also es hat niemanden mehr interessiert, plötzlich, wo er nicht mehr unterwegs war.

Philipp: Genau, genau, also denkst du dir: Boah ey, ich sag mal so, ich bin Ingenieur im Endeffekt, ich bin Erfinder, ich kann Maschinen bauen, ey, der Türke, der reizt mich schon, ja.

Daniel: Versteh ich, versteh ich, aber vor allem…

Philipp: Es ist ja auch immer noch das ungelöste Geheimnis des Türken, ne?

Daniel: Richtig.

Philipp: Also schlägst du zu?

Daniel: Ich schlage zu, was Letzter-Preis kann ich dir glaub ich gar nicht sagen, müsst ich nachgucken, 10.000 irgendwas.

Philipp: Also nicht billig, aber für Scherbel sozusagen, hat sich gelohnt?

Daniel: Richtig.

Philipp: Nee, 30.000 oder 10.000 irgendwas, ich weiß es nicht mehr.

Daniel: Doch, 10.000 irgendwas – 10.000, ich weiß nicht mehr, was das für ne Währung war, ist ja auch egal. Und du schleppst diesen Türken in deine Werkstatt, und du schaust dir den Türken ganz genau an.

Philipp: Ich möchte bitte, dass irgendein – dass der Teaser am Ende irgendwas wird mit: Du schleppst den Türken irgendwo hin, und du zeigst allen Leuten deinen Türken, sowas – es muss irgendwie sowas der Teaser sein, weißt du, super.

Daniel: Cut, ja.

Philipp: Wirklich irgendwie – irgendwas, auf jeden Fall, muss nicht klar – also es darf nicht deutlich werden, dass es sich hier um einen Automaten handelt, wirklich nicht, das ist sehr großartig.

Daniel: Ich werd’s versuchen, locker zu machen, da muss ich aber vorher – also muss ich mich wieder im Schnitt beeilen für bis nächsten Sonntag – jedenfalls: Du schleppst die Maschine in deine Werkstatt, du guckst dir den Türken an, du ziehst den Türken quasi nackt aus, und du guckst dir an, wie er funktioniert, und du denkst, aha, ich hab’s, ich hab’s verstanden.

Philipp: Nach all den Jahren, nach all den Jahren hab ich’s endlich verstanden, wie der Türke funktioniert, es gibt sie noch, Zeichen und Wunder.

Daniel: Und du denkst, OK, ich muss passende Teile finden, um den Türken wieder instand zu setzen, weil der funktioniert so nicht.

Philipp: Sind wir jetzt also in einem Adventure?

Daniel: Jetzt n Adventure: Finde Teile, um den Automaten zu reparieren, richtig. Es dauert auch einige Jahre, um da die passenden Teile zu finden, weil es die Teile, so wie du sie brauchst, nicht gibt.

Philipp: OK, die müssen also quasi für mich hergestellt werden?

Daniel: So ungefähr.

Philipp: Ich brauch also n Schlosser?

Daniel: Du brauchst da einiges. Aber du findest – dein Vorgänger, also der Wolfgang, der hat diese Maschine viel zu sehr offengelegt, die Leute sind dem Geheimnis, wie er funktioniert, viel zu nah gekommen.

Philipp: Ach, war es echt so knapp?

Daniel: Es war so knapp – heraus, also bevor die Leute herausgefunden haben, wie er funktioniert, sagst du, du wirst dieses Geheimnis besser wahren.

Philipp: OK, da bin ich aber mal sehr gespannt jetzt.

Daniel: Und sobald du die Teile bekommen hast, machst du ein paar Upgrades, und du veranstaltest, wie dein Vorgänger, wieder Shows, und das ist gerade auch eine tolle Ablenkung für die Wiener, weil seit der Französischen Revolution, die vor paar Jahren, 1789, glaube ich, begann, herrschen in Europa die ganzen Koalitionskriege, das heißt, ständig gibt es irgendwelche Bündnisse, die sich untereinander bekriegen, dann hauptsächlich gegen Napoleon kämpfen. Napoleon kommt dann 1805 nach Wien und nimmt es als Basis ein, zieht dann aber weiter, also es ist Krieg.

Philipp: Moment, Moment, Moment, Moment, ich muss aus deiner letzten Folge – muss ich ganz kurz wiederkommen, als ich gesagt hab, jetzt kommt wieder n Star Wars.

Daniel: Absolut, absolut.

Philipp: Aber ich finde es gerade nicht, Moment, kommt jetzt was anderes oder das Gleiche?

Daniel: Es kommt das Gleiche.

Philipp: Unruhe herrscht in der Galaktischen Republik.

Daniel: Unruhe herrscht in der Galaktischen Republik, ja, verstehe.

Philipp: Die Unruhe herrscht, aber zum Glück gibt es dich und den Türken, 2 erfahrene Schritte.

Daniel: Ja, jedenfalls, wie gesagt, die Wiener sind happy, dass du sie n bisschen ablenkst mit dem Türken, den du immer wieder rausholst.

Philipp: Ja, das ist auch gut so.

Daniel: Und dann ist plötzlich 1809, und Napoleon steht schon wieder in Wien, und er besetzt schon wieder Wien, und du und der Türke, ihr seid mittendrin.

Philipp: Diesmal denkt sich aber Napoleon, was, was für n Türke, was für n Johann?

Daniel: Jetzt geht’s sogar bis zu Napoleon.

Philipp: Das muss ich sehen.

Daniel: Du Schande, oh Gott, jetzt kommt Napoleon.

Philipp: Kommt Napoleon ins Schloss Schönbrunn und sagt: Boah, ich hab richtig Bock auf ne Runde Schach?

Daniel: Das hab ich in dem Napoleon-Film nicht gesehen.

Philipp: Das hat auf Pyramiden geschossen, das stimmt.

Daniel: Aber das müssen sie wohl rausgeschossen haben.

Philipp: Rausgeschossen, rausgeschossen haben sie – bloß das reingemacht, hätten sie mal drin gelassen, das wär sehr interessant geworden.

Daniel: Ja, absolut. Also du baust alles auf, du baust den Türken auf, aber du baust auch das Ganze n bisschen anders als Wolfgang, weil, wie du gesagt hast im Vorfeld, du möchtest das Geheimnis besser wahren – also lässt du nicht wie Wolfgang die Leute mit dem Türken an einer Kommode spielen, sondern der Gegenspieler bekommt einen eigenen Tisch, der ist n bisschen weiter entfernt, darauf steht ein Schachbrett, darauf stehen eigene Spielfiguren, und der Gegenspieler sitzt am Tisch, macht seine Züge, du kommst zum Tisch, guckst dir die Züge an, dann gehst du zum Türken und machst den Zug auch, und dann reagiert der Türke, und dann machst du quasi das, was der Türke gemacht hat, und überträgst das Ganze auf den Tisch des Spielers.

Philipp: Also, das Erste, was mir ja vorhin einfiel, und das ist ja auch etwas, was jetzt dann ganz gut zu der Änderung passen würde, waren ja Druckplatten, ne, dass du eine Druckplatte hast, dass der Türke überhaupt registriert, was ist denn die Eingabe – dass die Eingabe überhaupt auf so ne Art und Weise registriert werden könnte, dass den Rest der Funktionsweise maß ich mir nicht an zu verstehen, aber das wäre so mein erster Gedanke, und das passt dazu eigentlich, was du gerade gesagt hast.

Daniel: Tja, jedenfalls bist du jetzt Mittler.

Philipp: Du bist der Schachmittler, ja, ich bin quasi die Hand.

Daniel: Du bist die Hand des Türken, die Hand von Napoleon auch.

Philipp: Also die Hand Napoleons und Napoleons Hand und die des Türken, also quasi alles, weltumspannend, ja, linke Hand, rechte Hand.

Daniel: Ja, jedenfalls, du bist dabei, wenn Napoleon vor dir steht, sagst du: Napoleon, bitte setzen Sie sich, das ist Ihr Tisch, und du erklärst ihm das mit den Tischen und so weiter, und du wirst ihm gerade erklären: Denk dran, die weißen Figuren, die spielt der Türke, und der Türke fängt immer an – in dem Moment nimmt Napoleon schon die erste Figur und macht seinen ersten Zug.

Philipp: OK, eine weiße Figur, nehm ich an?

Daniel: Eine weiße Figur, natürlich, wo du immer denkst, oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott.

Philipp: Scheiße, ich werd den Napoleon jetzt nicht sagen, dass er hier Scheiße gebaut hat, ich spiel einfach mit, die Maschine muss das können.

Daniel: Die Maschine muss auch mit Schwarz spielen können.

Philipp: Die Maschine muss auch Schwarz spielen können, also gehst du dahin und stellst die weiße Figur um, und die Maschine reagiert, nachdem du n bisschen rumgefummelt hast da unten irgendwo, und es funktioniert, sie kann tatsächlich Schwarz spielen?

Daniel: OK, sie spielt Schwarz, und der Türke bewegt sich, nimmt seine schwarze Figur und macht ihren ersten Zug, Maschinenzug, so, und Napoleon guckt sich das an: Auch nicht schlecht, interessant, und spielt noch n Zug, und die Maschine spielt n Zug, und das geht so n bisschen hin und her, sie spielen einige Züge, und dann denkt sich Napoleon so: OK, mal gucken, was die Maschine sonst noch kann, und er macht einen illegalen Zug.

Philipp: Ich kann dir nicht sagen, was er genau gemacht hat, ob er jetzt den Turm diagonal geschoben hat, oder ob er mit dem Springer quasi geradeaus gesprungen ist.

Daniel: Aber er macht das, und du guckst jetzt – ja, OK, ich muss das machen, was Napoleon gemacht hat, natürlich. Also gehst du an das Feld des Türken, spielst die Figur, und der Türke greift nach dieser Figur, stellt sie wieder zurück und macht seinen eigenen Zug.

Philipp: Ich hatte gehofft, dass er sie nach Napoleon wirft oder so, das wäre sehr lustig gewesen.

Daniel: Dazu kommen wir noch. Napoleon denkt sich nämlich, aha, das hat ja funktioniert, also der hat drauf reagiert und ist richtig reagiert, probier ich es noch mal, und er macht wieder n illegalen Zug, und der Türke reagiert wieder – er greift die Figur von Napoleon, stellt sie aber nicht zurück, sondern nimmt sie vom Tisch und stellt sie daneben.

Philipp: Jetzt reicht es ihm, der Türke nimmt die Figur aus dem Spiel.

Daniel: Keine Geduld.

Philipp: Ja, aber das ist auch richtig so, so muss man auch solchen Charakteren gegenübertreten.

Daniel: Und Napoleon – es ist überliefert, dass Napoleon eigentlich überhaupt nicht, ob er Schach spielen konnte, aber dazu kommen wir gleich noch. Napoleon denkt sich so: OK, das funktioniert, die Figur hat jetzt zu zweit mal reagiert und hat anders reagiert, also mach ich es noch mal, und in dem Moment, als du den Zug von Napoleon überträgst, wackelt plötzlich der Türke mit seinen Armen und schlägt einmal alle Figuren vom Feld.

Philipp: Aha, dem Türken reicht es, würde ich auch sagen, das mir reicht es jetzt, ist aber mal langsam mal gut, dieser scheiß Napoleon.

Daniel: Napoleon lacht sich kaputt.

Philipp: Verständlich.

Daniel: Napoleon findet das richtig geil, und Napoleon sagt: Alles klar, hier, Johann, stell die Figur noch mal auf, wir spielen jetzt richtig. Und Napoleon konnte Schach spielen.

Philipp: OK, Napoleon konnte Schach spielen.

Daniel: Und das ist nämlich ein Spiel, was aufgezeichnet worden ist, dieses Spiel wurde notiert, jeder Zug wurde notiert, und dementsprechend verlinke ich an dieser Stelle ein komplettes YouTube-Video, quasi ein Review von “Napoleon versus the Turk” von 1809 in Schönbrunn – da gibt es einen jungen Mann, der erklärt, wie die beiden gespielt haben und welche groben Fehler Napoleon nach 19 Zügen gemacht hat, denn er hat gegen den Türken verloren.

Philipp: Ah.

Daniel: Ja, Napoleon hat er nicht so häufig verloren, aber gegen den Schachtürken, da war vorbei, da war Schluss. Also es gibt wirklich n geiles Video.

Philipp: Geiles Video, ich fand es sehr interessant, halt auf jeden Fall, weil, wie gesagt, n junger Mann hat das analysiert, hat gesagt, welche Fehler Napoleon gemacht hat, welche Fehler er hätte nicht machen sollen, vor allem, weil er besser hätte spielen können, als wenn du 200 Jahre später analysierst, wie ein Feldherr und Kaiser gespielt hat und sagst: Ah, ey, Idiot.

Daniel: Jetzt ist das los.

Philipp: Ja, der macht doch nur Scheiße da, der hat schon damit begonnen, dass er den Bauer irgendwie dumm geschoben hat als erster Zug, meinte er, sagt das macht man heutzutage gar nicht mehr, Leute.

Daniel: Ja, gut, es ist aber auch lange her. Jedenfalls, der Türke schlägt Napoleon, im Schach.

Philipp: Im Schach, er schlägt nur die Schachfiguren, sonst?

Daniel: Und Napoleon fand das richtig geil, hat gesagt, danke, hat sich bedankt und ist gegangen.

Philipp: Mhm, es war jetzt Glück gehabt, das hätte ne Geschichte – bin nicht exekutiert worden.

Daniel: Und in dieser Zeit war generell viel los in Wien, also auf Napoleon gab es n Attentat, bei Wien gab es mehrere Schlachten zwischen Napoleon und anderen, und Napoleon verliert schließlich einige Schlachten, da wird irgendwie in die Stadtmauern n Loch gesprengt, und keine Ahnung was, Napoleon muss sich auf jeden Fall zurückziehen, und Wien ist wieder befreit, und du bist quasi wieder Wiener.

Philipp: Ah, also alles wieder wie vorher, wir sind wieder in Österreich.

Daniel: Wir sind wieder in Österreich, aber 1811 findest du dich plötzlich in Mailand wieder.

Philipp: Huch.

Daniel: Und der Türke und du seid eingeladen beim Vizekönig Italiens, Eugène de Beauharnais.

Philipp: Bei Eugen?

Daniel: Wir belassen es bei Eugen, weil nichts davon war italienisch, es ist n Franzose.

Philipp: Ach, ist n Franzose, der König von Italien ist n Franzose?

Daniel: Ist n Franzose, er nämlich, sein Stiefpapa hat empfohlen, den Türken zu sehen, ist nämlich Napoleon.

Philipp: Ja, wir haben so n Zufall.

Daniel: Aber auch logisch, und Eugen möchte unbedingt den Türken spielen, also gegen den Türken spielen.

Philipp: Nicht gegen den Türken spielen? Das wäre aber auch mal interessant zu sehen gewesen, glaub ich.

Daniel: Also lädt er dich und den Türken zu sich nach Hause ein, und er spielt gegen den Türken, und er findet das so geil, er sagt: Pass auf, der Türke bleibt hier.

Philipp: Und du sagst dann: Nee, nee, nee, das sind die Spielregeln, Freundchen.

Daniel: Also wenn, dann Money, money, klar, und er drückt dir 30.000 Franc – Franc war die doch, Franc ist die…

Philipp: Ach, du, stimmt, war die französische Währung?

Daniel: Lange doch, damals aber nicht.

Philipp: Ob damals schon?

Daniel: Doch, das also, das waren 30.000, und du hattest damals 10.000 bezahlt, also machst du das Dreifache an dem Türken, plus dir den ganzen Gewinn von den ganzen Touren.

Philipp: Ich würde sagen, damit kann man grundsätzlich leben, oder also das Dreifache, aber natürlich entzieht mir das auch meine Lebensgrundlage, weil ich verdien damit ja ordentlich Moos offenbar.

Daniel: Das ist richtig, aber du denkst dir ja, ist zwar – ich könnte damit mehr Kohle machen, aber ich kümmer mich darum später.

Philipp: Du nimmst die Kohle, weil du hast nämlich noch n Termin, du hast noch n Termin in Wien, den sogenannten Wien-Termin.

Daniel: Ja, ein Wien-Termin, denn dein guter Kumpel Beethoven…

Philipp: Natürlich, wer denn sonst, ach, natürlich, dein guter Kumpel von den Leuten.

Daniel: Der sagt: Pass auf, du hast so n Orgelautomaten mal gebaut, ich möchte auch so einen haben, weil ich hab n Stück im Kopf, ich möchte dieses Stück beschreiben, und ich möchte, dass das auf diesen Orgelautomaten gespielt wird.

Philipp: Oh Gott, zu Beethoven kommt jetzt auch noch…

Daniel: Und er sagt auch noch, er hätte ja auch gerne – ob du Ideen hast – so n Taktgeber irgendwie fürs Musizieren, ob du irgendwie Ideen dafür hast, weil er immer dann quasi sich selber irgendwie den Takt denken muss, vorstellen muss, und es wär schöner, wenn er irgendwas hätte, was ihm einen sauberen Takt vorgibt.

Philipp: Hab ich, dieses Ding erfunden.

Daniel: Wie kommen wir denn da hin, wie heißt das?

Philipp: Wir kommen dazu, noch mal?

Daniel: Wir kommen dazu.

Philipp: OK, du sagst, ja, muss ich mal gucken, lass uns erst mal dieses Orgelding bauen.

Daniel: Und du hast ja jetzt grad den Türken auch nicht am Hals, also bist du bis 1814 damit beschäftigt, diese Orgelmaschine zu bauen, und du baust sie, Beethoven bespielt sie, und du stellst dieses – das nennt sich Panharmonikon – aus, und alle finden es geil, die Welt findet es richtig geil. Das Problem ist, Beethoven ist nie dabei, wenn du es ausstellst und den Leuten vorstellst, und du denkst dir so: Ach ja, komm her, ihr wollt dieses Panharmonikon sehen, gib mir noch mal n paar Schillinge, n paar Franken…

Philipp: Keine Ahnung, ja, klar, gib mir paar Münzen rüber, kann man n bisschen was Geld mitmachen, paar Golddublonen.

Daniel: Beethoven reicht ne Klage gegen dich ein.

Philipp: Nein, ach, ausgerechnet von Beethoven verklagt, och nee, heutzutage wirst du nur von Beethoven verklagt, wenn du seine Gema-Rechte auf YouTube verletzt hast.

Daniel: Aber sonst nicht. Beethoven sagt, Friendship with Johann is finished.

Philipp: Frenchy versendet?

Daniel: Frenchy versendet, so hieß das, genau, Frenchy versendet wird: Johann ist ein Betrüger ohne jegliche Kultur und Bildung.

Philipp: Oh, der will…

Daniel: Aber wird aber deutlich, weil du Beethoven so in den Rücken gefallen bist, eure Freundschaft zerfällt.

Philipp: Unsere Freundschaft ist hiermit beendet.

Daniel: Eure Freundschaft ist hiermit beendet.

Philipp: Scheiße, jetzt hab ich das Ding gebaut, jetzt hab ich das wieder nicht, jetzt muss ich das wieder dem Beethoven geben.

Daniel: Oh, was macht eigentlich Eugen mal? Was macht eigentlich mit dem Türken?

Philipp: Würd mal nach dem Türken fragen, noch mal.

Daniel: Vielleicht kann ich damit noch mal…

Philipp: Ja, richtig.

Daniel: Aber dann kriegst du mit, der Eugen ist nach München gezogen.

Philipp: Oh, OK, da gab es irgendwie Stress in Italien?

Daniel: Er lebt jetzt in München.

Philipp: Na ja, gut, das ist ja erstmal, ist es nicht weit. Und zweitens, da kann man ja auch noch mal n Saisonbesuch machen, sag ich mal.

Daniel: Ne, genau, können wir noch mal vorbeischneiden, und du gehst nach München, du sprichst mit Eugen, und sagst so: Du, pass auf, Eugen, der Türke…

Philipp: Ja, ich möchte den Deal vorschlagen.

Daniel: Und Eugen denkt sich so: Häh, was ist denn der Deal?

Philipp: Und dann sagst du dem Eugen: Pass auf, ich nehm den Türken jetzt mit, ich geh auf Tour, so wie das der Wolfgang vorher gemacht hat, und ich werde dir den Türken wieder zurückbezahlen von dem Geld, was ich an den Touren verdiene.

Daniel: Verstehe, an den Türkentouren. Und es ist schon n bisschen Zeit vergangen, und Eugen ist jetzt halt nicht mehr so hart begeistert von dem Türken, der sagt so: Ja, das hat sich ausgespielt, alles klar, also nimmst du quasi den Türken wieder umsonst mit.

Philipp: Es gibt schlechtere Ideen, vor allem gibt es schlechtere Deals, ja.

Daniel: Und du gehst nämlich auf Tour. Vorher machst du aber noch n kurzen Abstecher in Amsterdam.

Philipp: Da waren wir noch nicht, wir waren noch nicht in Holland, von den ganzen europäischen Ländern, die wir jetzt schon besucht haben.

Daniel: Hier, stimmt, da gehst du nämlich an die Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften, wie man das so macht.

Philipp: Ne, du bist ja ein Erfinder, du stellst dich gut mit Ingenieuren.

Daniel: Und du hast nämlich mitbekommen, dass dort ein Dietrich Nikolaus Winkel seine Erfindung ausstellt, der nennt es den sogenannten Chronometer.

Philipp: Ah, ich hab gehofft, er nennt es den Dietrich.

Daniel: Nee, er nennt es den Chronometer, und es ist im Endeffekt eine…

Philipp: Was?

Daniel: Es ist ne Haltevorrichtung, also es ist so n Balken aus Holz, da dran ist n Pendel, und da sind Gewichte dran, und dieses Pendel pendelt in einer bestimmten Frequenz, und je nachdem, wie viele Gewichte da drin sind, ist die Frequenz langsamer oder schneller.

Philipp: Verstehe, und du guckst dir das an, da sind wir wieder bei Beethoven, Beethoven hat doch gesagt, sowas könnte er gebrauchen.

Daniel: Wie heißt das Ding denn noch mal, verdammt noch mal.

Philipp: Also guckst du dir das an und denkst so: Ah ja, ich guck mal.

Daniel: Und dann sagst du zum Dietrich: Pass auf, danke, dass du mir das gezeigt hast, ich geh jetzt nach Paris, weil ich möchte dahin jetzt ziehen. OK, du ziehst 1816 nach Paris, und du hast den Türken im Gepäck, du hast den Sprechautomaten immer noch im Gepäck, und du hast die Idee von diesem Chronometer auch noch im Kopf. Also setz dich hin, kaum bist du eingezogen, hast ne Werkstatt eingerichtet, und du baust diesen Chronometer nach, baust n bisschen anders, und nennst das Ding Metronom.

Philipp: Metronom, verdammt noch mal, Metronom, ja, natürlich, das Metronom, ich hab das Metronom erfunden, das ist aber doch mal toll.

Daniel: Du hast das Metronom erfunden, gut – das Metronom gab es schon, du hast es nur quasi dem logischen Zweck zugeführt.

Philipp: Aber das ist ja auch schon viel wert.

Daniel: Es ist viel wert. Das Ding ist, du zeigst natürlich in Paris, ja, guck mal, es macht Klick, klick, klick, klick, klick – Beethoven steht vor deiner Tür: Alter Freund, du hast da doch so ne tolle Idee gehabt, lass uns doch mal die Axt begraben.

Philipp: Ich hätte jetzt großes Interesse daran, dass wir jetzt mal hier drüber reden, wir sind doch Freunde, lass uns versöhnen, wir waren doch immer Freunde.

Daniel: Und ihr seid wieder Freunde, ihr seid wieder Best Friends.

Philipp: Ja gut, er ist halt auch Beethoven, da würd ich auch viel verzeihen.

Daniel: Richtig.

Philipp: War, muss man allerdings fragen, war Beethoven zu seiner Zeit schon so angesehen, wie Beethoven heute ist?

Daniel: Ich glaub schon.

Philipp: Oder war es nur so n Blog?

Daniel: Ich kann es Ihnen nicht genau sagen, ich glaube aber schon.

Philipp: OK, also schon ne sehr wichtige Person der Zeitgeschichte, ja.

Daniel: 1818 möchtest du ins Vereinigte Königreich gehen, dort möchtest du deine UK-Tournee starten, weil du ja Eugen Geld schuldest.

Philipp: Und der fragt schon so, hör mal, hast du schon hier Geld verdient mit dem Türken?

Daniel: Ja, klar.

Philipp: Und du sagst, ja, noch nicht, ich geh jetzt nach England.

Daniel: Ich geh jetzt generell nach UK, aber ich muss vorher noch nach Wien, und später auch noch, stellt sich raus, muss nach München, weil du brauchst noch n bestimmtes Bauteil für den Türken, weil du es einfach nicht bekommst.

Philipp: Aktuell, OK, out of stock.

Daniel: Out of stock, kein Amazon Prime.

Philipp: Kein Amazon Prime.

Daniel: Du reist so n bisschen durch Europa, und du nimmst den Türken tatsächlich mit, ich weiß nicht, ob du ihn transportieren lässt oder wie auch immer das funktioniert, jedenfalls, du hast aber auch diese Sprechapparate dabei von Wolfgang und denkst dir so: Hammer, was ist, wenn ich das eine in das andere reinbaue, dann kann der Türke aber noch reden.

Philipp: Ja, ich hatte diese Idee vorhin auch schon, aber ich bin dagegen, weil der kann ja nicht wirklich reden, das funktioniert nicht richtig, das mit dem Zeigen war besser, ich bin gegen diese Neuerung.

Daniel: Das, was du sagst, ist richtig, aber was ist, wenn er nicht richtig reden kann, sondern wenn er nur ein einziges Wort kann, weil du stellst das Ding so ein, dass es nur Schach sagt, beziehungsweise auf Französisch, Échec.

Philipp: Das wiederum, muss man sagen, ist gar nicht so blöd, das ist schlau, also Schach nicht im Sinne von Schachspiel, sondern dieses, ich hab dich im Schach.

Daniel: Ja, ja, genau das, wenn er ihn im Schach hat, dass er dann sagt, Schach.

Philipp: Das ist nicht blöd, das ist nicht blöd.

Daniel: Ah, willkommen, unsere Protagonisten sind ja heute richtig intelligent.

Philipp: Ich glaube, es geht los hier.

Daniel: Ja, ja, und dann hast du dieses Bauteil, was du noch gebraucht hast, baust das auch noch direkt rein, und dann geht es für dich nach London. Dort angekommen, irgendwie stolperst du in ein Patentbüro, und man fragt dich, was willst du hier, du sagst, ja, ich hätte das Metronom erfunden, könnte ich das mal hier patentieren.

Philipp: Ist auch schön, ich hab das Metronom erfunden, das ist so wie, wie, wie Kolumbus wird losgeschickt, entdeck mal Amerika.

Daniel: Genau, der gute Dietrich wird zukünftig was dagegen haben, was nicht unser Thema heute ist, der Dietrich gilt also ist heutzutage der Erfinder des Metronoms, verstehst du, bist der Erbauer des Metronoms.

Philipp: Das, darauf kann man sich aber einigen, finde ich, ist OK.

Daniel: Ich glaube, da floss auch n bisschen Geld zwischen – also die haben sich außergerichtlich geeinigt.

Philipp: Vielleicht, ja, verstehe, eine gütliche Einigung.

Daniel: Du tourst circa ein Jahr durchs Vereinigte Königreich, ja, im Endeffekt machst du halt Shows und alles wie immer, ne, du machst die gleiche Show wie Wolfgang zuvor, nur ohne jetzt großartig die Türen aufzumachen, damit die Leute da nicht reingucken können, weil das ist ja alles – die Leute wissen ja schon, ne, das ist durchsichtig – und dann geht es 1826 für dich nach New York.

Philipp: Oh, über den großen Teich.

Daniel: Wie Türke…

Philipp: Ghost Intercontinental, der interkontinentale Türke, der Concorde-Türke.

Daniel: Ja, OK, bin ich viel zu haben. Kaum dort angekommen, ey, der Türke ist ne Sensation, als er ankommt, als du ihn zeigst.

Philipp: Das Problem ist, er funktioniert noch nicht?

Daniel: Wieso funktioniert er denn nicht?

Philipp: Hab ich schon wieder kein Bauteil?

Daniel: Nee, du hast dieses Bauteil zu Hause vergessen.

Philipp: Och Gott, dieses eine Bauteil, das konnte nicht mit, das ist quasi Region Lock, ja.

Daniel: Verstehe, verstehe, du musst neues Loot in New York sammeln.

Philipp: Du suchst erst mal ne Zeit nach Ersatz von diesem Bauteil, merkst aber, es ist schwierig, das in New York oder generell in Amerika zu finden, also lässt du das Teil von zu Hause nachschiffen.

Daniel: Gut, das müsste ja gehen. Und dann gehen die Vorstellungen los, erst New York City, danach Boston, später Baltimore, und der Türke spielt, der Türke gewinnt mal, verliert mal wieder gegen besonders gute Spieler, schlägt sich aber so generell ganz gut und ist ne lohnenswerte Attraktion. Du machst ganz viel gutes Geld damit, und ja, manchmal ist es in Hallen, manchmal ist es in irgendwelchen Gebäuden, so wie in diesem Schachcafé damals in Paris.

Philipp: Manchmal aber auch im Freien?

Daniel: Und da sind halt ganz normale Häuser um dich herum, du bist auf dem Marktplatz oder sowas, ne, irgendwo in so n Stadtzelt oder so, wo man gerade Platz findet, in der Öffentlichkeit.

Philipp: Eben.

Daniel: In Baltimore war das so, dass du eine Show im Freien gemacht hast, an diesem Tag war es aber extrem heiß – ich hab jetzt entgegen unserer üblichen Wetter-Nachguckerei, wenn wir n Tag wissen, dass warm ist, hab ich es nicht gemacht, ich geh aber einfach davon aus, dass es stimmt – denn der Türke arbeitet, der Türke spielt, du machst halt dieses Zwischen-den-Tischen-Hin-und-Herlaufen, du hast mittlerweile sogar n Team, was für dich diese Dinge aufbaut und so weiter.

Philipp: Ja, OK.

Daniel: Und der Türke funktioniert plötzlich nicht mehr.

Philipp: Weil es zu warm ist?

Daniel: Es ist zu warm, und man hört kurz davor so n Klappern und Poltern in dieser Kommode, und dann plötzlich funktioniert der Türke nicht mehr.

Philipp: Der Kleinwüchsige ist erstickt?

Daniel: Es ist also – dir ist klar, oh Scheiße, oder allen ist klar, Scheiße, irgendein Bauteil ist kaputtgegangen, und dir ist klar, dass es dieses eine extrem wichtige Bauteil ist, was du nachliefern lassen hast, und du entschuldigst dich bei den Zuschauern und schickst sie alle nach Hause, und dann lässt du von deinem Team schnell den Türken zusammenpacken und gehst nach Hause.

Philipp: Das heißt, ich muss das Ding wieder reparieren, jetzt, und dieses Bauteil finde ich ja hier vor Ort nicht, Scheiße, aber auch richtig.

Daniel: Das ist zumindest die Annahme, aber – am nächsten Morgen sozusagen, ich weiß nicht, ob du so ne Art Hotel oder irgendwelche Gasthäuser – wie auch immer, morgens hast du ne Zeitung in der Hand, die Baltimore Daily, glaub ich, war das, und du erwartest ne Meldung: Ja, Türke in Baltimore ausgestellt, kaputt gegangen, irgendwie sowas. Aber dieser Artikel, den du liest, hat einen ganz anderen Spin, und ich schicke dir jetzt diesen Artikel auf Deutsch übersetzt, ich möchte, dass du vorliest.

Philipp: Okay: Baltimore, Freitag, Juni 1827. Der Schachspieler entlarvt: Diese geniale Erfindung des Herrn Kempelen, die in den bedeutendsten Städten Europas und in verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten so viele neugierige Mutmaßungen hervorgerufen und so großes Interesse geweckt hat, wurde nach fast 60 Jahren des Zweifels über ihre Funktionsweise schließlich durch einen Zufall entdeckt. Es handelt sich lediglich um ein Gehäuse, in dem während der Vorführungen vor Publikum stets ein menschlicher Akteur verborgen war. Diese Entdeckung wurde, wie wir erfahren, von einer Person gemacht, die dies keineswegs geplant hatte, ein zufälliger Umstand gab den Blick auf den verborgenen Mitspieler frei, als dieser unmittelbar nach dem Ende einer Vorführung des Automaten aus dem Kasten stieg.

Daniel: Das ist die Meldung. Als sich dann rausstellt, dass diese Person, die diese Entdeckung zufällig gemacht hat, 2 Kinder waren, die auf dem Dach von deinem Haus gesessen haben und das dann der Zeitung gemeldet haben, sagen alle: Ach, Fake News, kann ja gar nicht stimmen, kann ja auch gar nicht stimmen, da ist ja nichts drin, wurde ja gezeigt.

Philipp: Wurde ja gezeigt, und du denkst dir, ja, OK, the show must go on, und du tourst die nächsten 9 Jahre durch die USA und durch Europa mit dem Schachtürken.

Daniel: Mit dem Schachtürken, und dann gibt es, 1836 erscheint ein ellenlanges Essay über den Türken, das die folgende Kernaussage hat: Es ist völlig gewiss, dass die Abläufe des Automaten durch den Verstand und durch nichts anderes gesteuert werden, sagt Edgar Allan Poe, der dich beobachtet hat.

Philipp: Natürlich, ey, was ist das denn für ne Reise, das ist ja unfassbar, Edgar Allan Poe sagt also Telekinese ist schuld?

Daniel: Er sagt, das muss n Mensch steuern, wie auch immer, aber es muss ein Mensch steuern, und deiner Meinung nach gibt es keine schlechte Presse – jeder, der über den Türken redet, spiegelt sich in deinem Geldbeutel wider.

Philipp: Ja klar.

Daniel: Und so langsam hast du es aber nötig, weil du reist ja, wie gesagt, zwischen USA und Europa und quer durch Europa und quer durch die Staaten, und das wird teuer, und so langsam wird das Interesse immer weniger, weil jeder hat den Türken schon mal gesehen, jeder hat schon mal gegen den Türken gespielt, und du denkst dir so: Neuer Markt, ich weiß, wo ich hin kann, nach Kuba.

Philipp: Ah, OK, ich war jetzt in Asien, aber auch OK.

Daniel: Erstmal, 1837 geht es für dich nach Havanna.

Philipp: Ist doch geil und schlimmer’s.

Daniel: Du bist in Havanna so n halbes Jahr und spielst und verdienst Geld und bezahlst dein Team und so weiter, aber fuck, 1838 im Februar geht schon wieder dieses eine Bauteil kaputt.

Philipp: Nach… und du denkst dir, oh shit, jetzt ist es aber so kaputt, jetzt kriege ich es nicht mehr repariert, und ich bekomme jetzt keinen Ersatz auf die Schnelle?

Daniel: Und dein Team sagt so: Ja, alles klar, wir packen unsere Sachen, dann viel Spaß mit dem Türken, goodbye, das war’s, der kann uns in 2 Wochen nicht mehr bezahlen, wir sind weg.

Philipp: Genau das, und du denkst dir so, oh fuck, oh fuck, oh fuck, ich hab kein Geld, ich hab kein Team, ich muss irgendwie mit dem Ding zurück irgendwo hin.

Daniel: Du denkst dir so, alles klar, zurück nach Europa ist vielleicht n guter Weg, weil dann bin ich hier schnell weg von den ganzen Leuten, vor allem weil du dich in Havanna verschuldest, um nach Hause kommen zu können, und du steigst sehr schnell auf ein Schiff Richtung Heimat. Das größte Problem ist, du denkst dir, fuck, ich werd diese Schulden in Kuba nie wieder bezahlen können, und ich weiß nicht, ob ich den Türken noch mal so zum Laufen kriege, wie er bisher funktioniert hat.

Philipp: Ist natürlich n Problem.

Daniel: Und du findest dich irgendwie im Rumpf des Schiffes wieder, und du siehst auch, guck mal, der Schnaps.

Philipp: Jetzt wird es ne Heldendumm-Geschichte.

Daniel: 21. Juli 1838, Höhe Argentiniens, man findet am Deck deine Leiche, Todesursache Alkoholvergiftung.

Philipp: Oh, zu Tode gesoffen, du hast dich zu Tode gesoffen.

Daniel: Konsequent, konsequent.

Philipp: Endlich mal wieder n Heldendumm-Charakter, der sich zu Tode säuft, hatten wir schon länger nicht mehr.

Daniel: Ja, und ich hab überlegt, ob wir jetzt noch n Seelentausch machen, weil das Geheimnis des Türken ist immer noch nicht gelüftet.

Philipp: Das stimmt, das ist immer noch nicht gelüftet.

Daniel: Aber wir machen jetzt keinen Seelentausch, wir machen einen kurzen Abriss, das geht eigentlich relativ zügig: Zum Zeitpunkt des Todes von Johann Mälzel, den du gespielt hast, ist der Türke auseinandergebaut auf einem Schiff. So, der Türke findet irgendwie einen Weg zu einem Freund von Mälzel, er, also in Amerika, und er verkauft das Ding an einen Arzt in Philadelphia, so weit, so OK. Der Arzt in Philadelphia ist zufälligerweise der behandelte Arzt von Virginia Clemm, das ist die Ehefrau von Edgar Allan – ja, und der Arzt, übrigens, John Mitchell heißt er, er gründet einen Club, um den Türken reparieren zu können und ihn restaurieren zu können, weil…

Philipp: Galatasaray Istanbul?

Daniel: Nee, es ist n Club in Philadelphia, OK, in diesem Club finden sich einige Leute, die alle natürlich da sitzen und sagen, pass auf – du sagst denen, das Geheimnis bleibt aber im Club, wir funktioniert, wir müssen ihn nur reparieren, und er repariert ihn zwar, restauriert ihn zwar, aber er wird dann nicht mehr richtig in Aktion gesehen, sondern er wird 1840 ins Peale’s Philadelphia Museum eingestellt und ausgestellt, ohne Spielfunktion, aber zusammengebaut.

Daniel: Und die Besucher können sich da den Türken anschauen, da sieht er so ähnlich aus wie das Ding, was ich dir auf dem Bild gezeigt hab.

Philipp: OK, das ist also quasi der restaurierte Türke, so wie er dann vielleicht immer noch existiert?

Daniel: Ich weiß es nicht, leider nein.

Philipp: OK, leider nein.

Daniel: Ich wünschte, ich könnte an dieser Stelle ein Happy End machen, aber wir müssen noch mal springen, und zwar in das Jahr 1854, und zwar nämlich am 5. Juli gibt es im benachbarten Theater ein Feuer, das Feuer bricht aus, es springt aufs Museum über, und die Flammen kämpfen sich zum Türken. Der Sohn von dem Arzt, John, Silas Mitchell, kriegt das früh genug mit, denkt sich, er rennt dahin, er rennt quasi in das Museum, in den Raum, wo der Türke ausgestellt wird, und sieht ihn nur in Flammen.

Philipp: Ach, so was Blödes aber auch.

Daniel: Und es ist einfach zu spät.

Philipp: Das ist wirklich blöd, ich hätte gerne diesen Türken irgendwo noch mal gesehen.

Daniel: Es gibt – das Bild, was ich geschickt hab, ist n Nachbau von dem Türken.

Philipp: Also das ist ein Nachbau, OK, das wissen wir.

Daniel: Weil, und jetzt kommt nämlich der Wermutstropfen: Silas Mitchell veröffentlicht einige Jahre später, als sein Vater, der John Mitchell, stirbt, in dem Magazin Chess Monthly einen Artikel mit dem folgenden Titel: “The Last of a Veteran Chess Player”, oder “Das Ende eines Schachveteranen”, und in diesem Artikel schreibt er, dass der Automat eine Illusion war.

Philipp: Was wir über die komplette Zeit…

Daniel: Befanden sich insgesamt 2 oder sogar 3 Schachmeister in der Kommode, die mit Magneten die Figuren gesteuert haben, quasi kopfüber unter der Platte, und mit so verlängerten mechanischen Zügeln und irgendwelchen Dingern haben die den Türken gesteuert.

Philipp: Also das ist ja schon, das glaub ich ja fast gar nicht, das ist ja sowas von dämlich.

Daniel: Die Handgriffe, die jeweils der Showmaster gemacht hat, waren nicht, um irgendwelche Rädchen zu verstellen, sondern Handzeichen an den Typen, der unten drin sitzt.

Philipp: Also war das beim ersten Mal schon richtig, was der eine Typ da gesagt hat?

Daniel: Es war immer richtig, es war kein Kleinwüchsiger, es war kein Kind, es war n normaler Mann, und er hatte auch genug Platz in der ganzen Kommode, um zu sitzen, ohne gesehen zu werden, und zwar gab es einen verschiebbaren Sitz.

Philipp: Also quasi wie im Auto?

Daniel: Wenn du unten da drin ziehst, kannst du dich nach vorne und hinten schieben, und der Johann hat das nie gemacht, aber der Wolfgang hat ja alle Türen immer auf und zu gemacht nacheinander, und dann schob er sich einfach von A nach B nach C.

Philipp: Ja, alles klar, er war nie zu sehen.

Daniel: Der Spieler, und das Bauteil, was immer kaputtgegangen ist, war einmal – der Schachspieler ist gestorben, und der Nächste musste ihn finden. Dann ist in Baltimore der Schachspieler fast ohnmächtig geworden.

Philipp: Und der war in der Kiste, weißt du, warm in der Kiste.

Daniel: Und in Kuba, in Havanna, ist der Schachspieler einfach an Gelbfieber gestorben.

Philipp: Oh, das ist auch ganz schlecht, also war am Ende alles richtig, was von Beginn an quasi schon gesagt worden war.

Daniel: Alles war richtig.

Philipp: Aber wieso, das muss doch jemandem aufgefallen sein, dass auf der ganzen Welt Schachmeister verschwinden und nie gegen diesen Typen spielen?

Daniel: Die Sache war die, es waren Schachmeister, die keine öffentlichen Schachmeister waren, es waren einfach Leute, die extrem gut Schach gespielt haben, waren aber nie auf irgendwelchen Toplisten – der letzte Schachmeister, der dort drin gesessen hat, der William Schlumberger hieß, zum Beispiel, war einfach n mittelloser Mann, der gut Schach spielen konnte, und der wurde durch die ganzen tausenden Spiele, die er gespielt hat, immer besser, und der war nie einer von den Leuten, die krass nach außen – also natürlich kannte man den Typen, aber es war nicht so, oh, guck mal, ich bin jetzt gerade hier in New York und spiele mein Spiel, und plötzlich spielt der Türke ne Woche später am selben Ort.

Philipp: Verstehe, sondern die, die wussten gar nicht, dass es diesen Menschen gibt?

Daniel: Genau, und der musste auch nach Amerika geschifft werden, weil kein guter Schachspieler in den USA gefunden worden ist, und deswegen musste der William, der Schlumberger, nach New York verschifft werden, der Schlummi.

Philipp: Der Schlummi, na ja, und auf jeden Fall, was Silas Mitchell noch schreibt, er beschreibt das sehr emotional, als er quasi ins Museum rennt und der Türke brennt.

Daniel: Und er sieht zu, wie der Türke brennt, und was er noch sagt, durch die Maschine, durch diesen Sprachmodulator quasi, wurde “Échec” hörbar, noch, weil die Maschine noch irgendwelche Luft dadurch gepustet hat – der Türke hat laut der Aussage von Silas noch gesprochen, als er verbrannt ist.

Philipp: OK, ich hätte jetzt einfach gesagt, gut, das mit dem Reden hätte man schon vorher machen können, weil der Typ, der da drin sitzt, hätte ja auch vorher reden können.

Daniel: Einfach, ja, aber es wär zu viel.

Philipp: Wahrscheinlich ist das ja zu krass gewesen.

Daniel: Aber eine Sache, die ich dir noch verraten muss, Philipp – du hattest die Cooper-Klemme, du hattest so einige Sachen, ich sag dir, heute hast du erfahren, woher der Begriff “getürkt” kommt.

Philipp: Ist das wirklich so?

Daniel: Ich habe überlegt, während der Folge, ob ich das fragen soll.

Philipp: Die Forschung geht heutzutage davon aus, dass es der Türke war?

Daniel: Der Türke, denn der Türke war getürkt.

Philipp: Wahnsinn, das ist wirklich Wahnsinn, also wir haben heute das Metronom erfunden und den Begriff “getürkt”.

Daniel: Ja, und sonst noch zig Maschinen.

Philipp: Ja, und auch noch ganz viel anderes Zeug.

Daniel: Ja, Mensch, ja, da haben wir aber was geschafft, da haben wir aber was abgerissen.

Philipp: Na ja, da war auch n bisschen was zu lesen, das kann ich mir vorstellen, klingt nach einer Riesengeschichte.

Daniel: Aber es ist auch ne Riesengeschichte, es ist ja eine World Tour, quasi die Heldendumm World Tour, die wir hier hinter uns haben.

Philipp: Also fantastisch, ich bin großer Fan, ich bin großer, großer, großer Fan, ich hab mir nur gedacht, ich hab gehofft – weil das hat ja keine große Pointe im Endeffekt, ne, es war einfach n Typ, den man schon vermutet hat, der da drin hockt – aber ich finde, hier war der Weg, diese Kommode, sieht jetzt auch nicht groß aus, also ich hätte da keinen Platz drin.

Daniel: Also ich kann dir gerne mal gleich, warte mal, Mechanical Turk, ich kann dir noch gerne n Bild zeigen von der offenen Kommode, weil ich hab natürlich – ich hab das Bild, was du von mir erhalten hast, am Anfang, war ebenfalls getürkt, denn das hab ich mit einer KI nachbearbeiten lassen, dass die Kommode zu war, damit du halt nicht sehen kannst, dass man vielleicht den Sitz da drin erkennen kann.

Philipp: Ah, OK, hier ist das nicht getürkte Bild, ja, so n Kissen, ja, und er konnte daraus n bisschen rumrutschen.

Daniel: Jetzt frag ich mich aber ehrlicherweise, wie hat der denn – also wurden die Züge laut angesagt, oder wie hat der gewusst…

Philipp: Dass – also deswegen war ich bei der Druckplatte, ne, dass das vielleicht angezeigt wird auf dem Schachbrett, das unten ist durch ne Druckplatte oder so Magneten?

Daniel: Also der hat – jedes Mal, wenn, also so, wie ich das verstanden habe, wenn du die Figur geschoben hast, schiebt sich unten drunter quasi die gleiche Figur, die gleiche Figur, deswegen war das so riskant, dass die da selber spielen mit durften, weil sie dürfen natürlich die Figur nicht zu hoch anheben, weil sonst der Magnet unten runterfällt und das dann nicht mehr funktioniert.

Philipp: Genau das.

Daniel: Das hat er am Anfang Probleme gehabt, und wie gesagt, ich kann dir die Funktion nicht genau erklären, weil das ist schon tatsächlich ziemlich kompliziert – ich meine, diese Maschinerie, die du da siehst, das ist ja tatsächlich Maschine, wie gesagt, ich wollte dir den Türken mal zeigen, ich hab noch ein letztes Bild für dich, ich verlinke wie gesagt den Wikipedia-Artikel, der ist sehr schön, da kann man sehr viel sehen, da sieht man wieder, wo es funktioniert im Endeffekt.

Philipp: Ah ja, na, ja gut, das ist jetzt ne sehr vornehme Darstellung, wie der da unten sitzt und da wirklich reinguckt, ne, wie haben die das denn mit dem Licht gemacht?

Daniel: Tatsächlich mit Kerzen, da ist aber n Wunder, dass das nicht in Flammen aufgegangen ist, das Ding.

Philipp: Du, was soll ich sagen, was soll ich sagen, ich bin also – ich wär schon happy, dass das einfach niemandem aufgeflogen ist, also ist gar nicht aufgeflogen, das stimmt.

Daniel: Allerdings, das haben sie echt gut gemacht, ja.

Philipp: Na ja, das war der Türke, das war, vielen Dank dafür, also der Türke hat mir heute sehr viel Freude bereitet, das ist schön.

Daniel: Das freut mich.

Philipp: Ich danke dir für diese Geschichte, und auf eine Weise ist das ein wunderschöner Ausblick auf die nächste Folge, weil ganz viele Leute haben sich das angeschaut und haben sich gedacht, I want to believe, das muss echt sein, das muss echt sein, es muss wirklich passiert sein, und ich finde, besser können wir auf das, was hier in diesem Podcast in 3 Wochen passieren wird, nicht hinleiten.

Daniel: Na, dann würde ich sagen, bis zum nächsten Mal.

Philipp: Bis zum nächsten Mal, ciao, ciao.

Kommentar verfassen